CfP: Tiefenzeit und Mikrozeit

Archiv für Mediengeschichte 18: »Tiefenzeit und Mikrozeit«

Die nächste (18.) Ausgabe des Archivs für Mediengeschichte ist den Folgen gewidmet, denen Geschichte – sei es als Ereignis, Struktur, Repräsentations- oder Denkform – durch die medialen Konstruktionen von „Deep Time“ und Mikrotemporalität ausgesetzt ist. Damit greift die Themenstellung des Heftes zwar die Verbindung von Tiefenzeit und Medienarchäologie auf, die einst Siegfried Zielinski ins Spiel gebracht hat, schließt aber vor allem an die Anthropozän-Debatte an, mit der der Begriff der Tiefenzeit eine aktuelle Konjunktur und in Bezug auf die Konzeptualisierung von Mediengeschichte verschiedene neue Akzentuierungen erfahren hat. Während die Medien(an)archäologie den Begriff der Tiefenzeit eher im metaphorischen Sinne für die Mediengeschichte zwischen ca. 1550 und 2000 verwendet hatte, konfrontiert die Tiefenzeit gegenwärtig im wörtlichen geologischen Sinne die Kultur- und Mediengeschichte(n) mit den Herausforderungen einer inhumanen Nicht-Geschichte und einer „Geologisierung des Anthropos“. Der Begriff der „Deep Time“, den John McPhee 1980/81 eingeführt hat, hat im Rahmen der Anthropozän-Debatte eine enorme Konjunktur erfahren, während im selben Zusammenhang der Begriff der Mikrozeit keine derartige Beachtung gefunden hat. Wenn Tiefenzeit jene Zeitdimension bezeichnet, die das Fassungsvermögen des menschlichen Bewusstseins übersteigt, dann bezeichnet Mikrozeit jene Zeitdimension von elektronischen Schaltkreisen, die menschliche Wahrnehmung permanent unterlaufen. Geschichte als diejenige Temporalität, die von schriftbasierten Kulturtechniken konstituiert wird, erscheint damit als begrenzt von oder als verzahnt mit Temporalitäten, die sich ihr faktisch oder scheinbar entziehen. Das kommende Heft des AMG setzt sich zum Ziel, neben der Medialität der Tiefenzeit auch die Medialität der Mikrozeit und insbesondere die Art und die Konsequenzen ihrer operativen und epistemischen Verzahnung zu thematisieren. Es strebt an, die mit diesen Begriffen verbundenen Medien, Kulturtechniken, epistemologischen Sachverhalte, politischen Zwangslagen und geschichtstheoretischen Problemen aufeinander zu beziehen. Vor allem der Begriff der Umweltmedien (environmental media) scheint Operationen vorauszusetzen, die beide Zeitskalen, die in den anästhetischen Feldern „oberhalb“ und „unterhalb“ des Menschen liegen, in ein Verhältnis setzen. Wenn einerseits die Realität von Umweltveränderungen in ihren Tiefenzeitdimensionen ein mediales Konstrukt ist, dann werden umgekehrt die den Globus umspannenden Sensormedien und die Earth Simulators, deren Rechner-Schaltzeiten in die Dimensionen von PetaFLOPS vorstoßen (1015 Floating Point Operations Per Second) selbst Umwelten für jene Datenstrukturen, die das sogenannte Erdsystem darstellen und managable machen sollen.

In den erbetenen Beiträgen sollen vor allem folgende Fragestellungen adressiert werden:

Erstens sind natürlich exemplarische Studien zur (Medien)Geschichte der Tiefen- und Mikrozeit willkommen. Medien spielen nicht nur auf Seiten der Mikrozeit elektronischer Schaltkreise eine wesentliche Rolle, sondern auch auf der Seite der Tiefenzeit, deren Lesbarkeit ja ihrerseits ein Effekt geologischer Medien wie Fossilien ist. Bereits seit Charles Lyell spricht die Geologie vom „fossil record“, von Alphabet und Grammatik der Erde, vom Archiv. Besonders relevant für die Themenstellung des Heftes sind daher Beiträge, die untersuchen, wie das, was man seit dem Beginn des 19. Jahrhunderts unter „Geschichte“ versteht – sei es im historistischen, im marxistischen oder im strukturalistischen Sinne – in ein Verhältnis zu Temporalitäten tritt, die sich den traditionellen Schrift-Medien der Geschichte (Quelle, Archiv, Erzählung) entziehen.

Im engen Zusammenhang damit steht zweitens die Frage nach den medialen Interferenzen von Geschichte und Tiefenzeit, von Ereignis und Struktur. Eine Ausgrabung bewegt ein Objekt aus einer Zeit in eine andere. Welche Zeitinterferenzmuster entstehen, wenn ein Geologe eine fossile Muschel aus einer oolithischen Schicht entfernt und in einem Schaukasten platziert? Damit aktualisiert sich die in den siebziger Jahren unter Historikern geführte Debatte über Geschichte als Ereignis oder Struktur unter medienepistemologischen Vorzeichen. Denn sowohl Ereignisse als auch Strukturen können nicht ohne Medien gedacht werden, durch die sie produziert, wiederholt, skaliert, abgebildet und miteinander korreliert werden. Die Frage nach alternativen Möglichkeiten narrativer Verfahren angesichts der Übersteigung und Unterlaufung ästhetischer Erfahrung durch Tiefenzeit und Mikrozeit ist dabei ebenso relevant wie die Frage nach den Grenzen solcher Verfahren und nach medialen Alternativen.

In Bezug auf solche Alternativen wird drittens die Frage relevant, wie die Zeit der elektronischen Medien mit der Erdzeit, die James Hutton und andere Geologen von Lyell bis Stephen Jay Gould graduell systematisiert haben, gekoppelt ist. Im Kontext der Anthropozän-Debatte ist dabei vor allem auf ökologische Aspekte verwiesen worden: zum einen auf die Kohlenstoffemissionen, die mit dem hochintensiven Energieverbrauch von Cloudcomputing zusammenhängen, zum anderen auf den elektronischen Müll, durch den Medien sich mit der Erdgeschichte rückkoppeln. Weniger prominent ist in der Medientheorie die Frage diskutiert worden, wie die Tiefenzeit mit der Mikrozeit der Medien rückgekoppelt ist. Daher soll nicht nur die Geschichte der Simulation komplexer adaptiver Erdsysteme durch Supercomputer thematisiert werden. Es soll darüber hinaus den epistemologischen und ontologischen Konsequenzen des Sachverhalts nachgegangen werden, dass die Erde selbst zu einem autokatalytischen Medium geworden ist. Nachdem eine Geo-Medienwissenschaft bereits vorrechnen kann, wie viel Prozent zur Erderwärmung und zum Anstieg der Meeresspiegel gegenwärtiges Cloud-Computing oder die Erzeugung eines Bitcoins beiträgt, ist die Zeit nicht mehr fern, dass wir wissen, wie hoch der Anteil der Erde selbst (als epistemisches Ding und Zeitobjekt) an der autokatalytischen Anthropozänisierung der Erde ist.

Ein wesentlicher vierter Themenkreis wird durch den Begriff der Skalierung umschrieben. Der Sinn, den ein Zeitintervall besitzt, hängt in wesentlicher Hinsicht von der angelegten Zeitskala ab. 150 Jahre sind für einen Anthropologen ca. sieben Generationen, für einen Historiker ein „langes Jahrhundert“ und für einen Paläontologen eine vertretbare Fehlermarge bei einer Radiokarbondatierung. Der Begriff der Skalierung umfasst indes vor allem diejenigen medialen Operationen und Kulturtechniken, die dazu dienen, Zeit- und Frequenzräume, die das menschliche Vorstellungsvermögen sprengen, in den Rahmen menschlicher intellektueller und ästhetischer Synthesis einzupassen.

Die bekannte These, dass Zeit nicht unabhängig von Kulturtechniken der Zeitmessung existiert, erfährt so die Erweiterung, dass Zeit auch nicht unabhängig von Kulturtechniken und Medien der Skalierung existiert. Damit verliert aber auch die Vorstellung von einer einzigen Zeit alle Bedeutung. Es gibt nicht einfach die Zeit, sondern (in Abhängigkeit von Medien) nur eine Pluralität von Zeiten: Tiefenzeit, Erzählzeit, Mikrozeit oder, wie man sagen könnte, die jeweiligen Eigenzeiten der Medien und je nachdem entsprechende Zeitobjekte. Wie situiert sich der Begriff der Geschichte, wie gestaltet sich die Praxis des Historikers angesichts dieser Pluralität von Zeiten? Können Versuche, „Deep Time“ in „Long (oder Big) History“ zu transformieren angesichts der medienarchäologischen Position überzeugen, dass Tiefenzeit und Mikrozeit ein Jenseits der historischen Temporalität bilden?

Daran schließt fünftens die Frage nach existierenden Kulturtechniken und medialen Praktiken an, die Mikrozeit und Tiefenzeit miteinander koppeln. Hier ist an Projekte wie CryForByzantium von Sean Munger zu denken, in dem die Geschichte des byzantinischen Reiches auf Twitter in Tweets erzählt wird. Oder an Kunstformen, die in der „Deep Time“ angesiedelt sind und sich daher der Zeit menschlicher Erfahrbarkeit entziehen wie etwa die Aufführung von John Cages Stück Organ2/ASLSP in der Burchardi-Kirche in Halberstadt, die 639 Jahre dauern wird. Oder an die Gwion Gwion-Felsmalereien in Australien, die sich seit ca. 40.000 Jahren selbst reproduzieren, weil sie mit lebenden Pigmenten aus Bakterien und Pilzen gemalt wurden und daher nur mehr indirekt als Schöpfungen humaner Akteure begriffen werden können.

Wie kann dann sechstens die Lage beschrieben werden, in der sich angesichts der Pluralität von Tiefenzeit und Mikrozeit die agency künstlerischer, politischer und ökonomischer Akteure befindet? Sogenanntes high frequency trading z. B. unterläuft bei weitem menschliche Entscheidungszeiten. Wenn fossile Rohstoffe, die der Tiefenzeit angehören, den schwer kalkulierbaren Preisschwankungen der Märkte unterworfen werden, wird es vor dem Hintergrund möglicher ökologischer Katastrophen zunehmend schwieriger für Staaten oder Staatenbünde über Lizenzierungen und für Konzerne über Investitionen zu entscheiden. Reicht hier noch das in der ANT entwickelte Modell der verteilten Handlungsmacht aus? Werden die Modelle der verteilten Handlungsmacht und der hybriden Kollektive, wie sie von der ANT entwickelt wurden, noch den Aporien gerecht, die die radikale Multiskalarisierung der Zeit dem Konzept der agency aufbürdet oder brauchen wir andere Modelle?

Wie ist es schließlich siebtens um die Historizität von Medien selbst beschaffen? Worin konstituiert sich die ihnen eigene Geschichtlichkeit? Muss nicht das im Zusammenhang mit den sogenannten „neuen Medien“ zunehmend diagnostizierte Unsichtbarwerden oder Immateriellwerden der Medien, dem auf der anderen Seite ein Verschmelzen von Lebenswelt und Interfaces entspricht, mit dem Umstand in Verbindung gebracht werden, dass sich in unserem Rücken Tiefenzeit und Mikrozeit kurzgeschlossen haben? Rücken die Medien – im Sinne von realen Hardwareoperationen – aus dem Gesichtskreis der Geschichte im selben Maße wie sie andererseits die Erde als System von komplexen adaptiven Systemen modellieren?

Um die Einsendung von Themenvorschlägen einschließlich Abstracts (bis zu 2500 Zeichen) und Kurzbiographien an die Redaktion (mark.potocnik@gmx.de) wird bis zum 30. 04. 2018 gebeten. Die ausgearbeiteten Beiträge (bis zu 30.000 Zeichen) sollen bis zum 31. 08. 2018 bei der Redaktion eingehen.

Die Herausgeber
(Friedrich Balke, Bernhard Siegert, Joseph Vogl)

Weitere Informationen zum Archiv für Mediengeschichte unter: https://www.uni-weimar.de/de/medien/forschung/jahrbuch-archiv-fuer-mediengeschichte/