Brian Larkin Ehem. Senior Fellow

Brian Larkin
Juni - Juli 2011

Vita

Brian Larkin hat den Lehrstuhl für Anthropologie des Barnard College an der Columbia inne. 1998 promovierte in Anthropologie an der New York University, wo er im selben Jahr einen Lehrauftrag erhielt. Sein Buch Noise: Infrastructure, Media and Urban Culture in Nigeria beschäftigt sich mit der Einführung von Medientechnologien im muslimischen Norden Nigerias und untersucht die Wechselwirkung zwischen Medienmaterialitäten, religiösen Praktiken und politischer Herrschaft. Er hat außerdem über Medienzirkulation, Piraten und geistigem Eigentum, Infrastrukturen und ihrem Zusammenbrechen, sowie über nigerianischen und indischen Film geforscht. Seine gegenwärtige Arbeit beschäftigt sich mit den Überschneidungen von religiöser Theorie und Religionstheorie.

Forschungsschwerpunkte

Medientechnologien in sekulären und muslimischen Modernen in Nordnigeria; Zirkulation transnationaler Medienflows; Indische Filme und Islamische Medien; der Einfluss von Medientechnologien auf die Zunahme islamischer Bewegungen im Norden Nigerias; Film, Fernsehen und das WWW als ethnographische Medien.

IKKM Forschungsprojekt

Die säkulare Maschine: Operationen von Medien und Religion

Das Word Qur’an bedeutet wörtlich „Rezitation“, die Kodierung einer religiösen Botschaft in besonderer Form, nämlich durch Stimme und Körper. Eine direkte Offenbarung Gottes, die Mohammed vom Engel Gabriel vorgetragen wurde, der sie wiederum vor der muslimischen Umma rezitierte – ist der Prozess der Transmission für Konstitution und Autorität des Textes ebenso wichtig wie seine Bedeutung. Rekursivität ist also ein immanenter Aspekt des Koran. Mohammed ist den Muslimen als „der Botschafter“ bekannt, seine enorme Kraft schöpft er aus dem Umstand, dass er ein Transmissionsmedium ist und die Worte, die er überträgt, ein Zeichen für Gottes Präsenz auf Erden darstellen. Seit diesem ursprünglichen Moment purer Präsenz stellt jede neue Kodierung des Koran in verschiedenen Medien – in Schrift, Lithografie, Druck, Radio, Kassette – einen Schritt weg von seiner ursprünglichen Fülle dar und diese Neufassungen waren häufig Thema erheblicher Debatten in der muslimischen Welt. In diesem Sinne ist die islamistische Tradition beispielhaft für eine starke Linie westlicher Denkart, die die Schrift als Ende der Fülle und Präsenz der mündlichen Weitergabe betrachtet. Was im Islam jedoch besonders interessant ist, ist der Umstand, dass Debatten um religiöse Mediation, insbesondere durch die Erstellung von Fatwas, einen Metakommentar zur Natur eines Mediums und seiner Legalität oder Illegalität im islamischen Recht und der islamischen Praxis darstellen. Sie stellen, zumindest teilweise, eine islamische Medientheorie dar. Dieses Projekt untersucht die Medialität der religiösen Praxis im Islam. Es berücksichtigt Traditionen in der Medientheorie zur Eröffnung neuer Wege in der Wahrnehmung von Religion und analysiert zugleich, wie Traditionen religiöser Disziplin die Existenzgrundlage von Medien beeinflussen. Hier sind zwei Hauptaspekte zu betrachten. Auf konzeptueller Ebene möchte ich die komplexe Beziehung zwischen Religionstheorien und Medientheorie erforschen. Es ist eine grundlegende Annahme der Medientheorie, dass Medien unsere Wahrnehmung des Raumes und der Zeit formen, dass sie unsere kognitiven Fähigkeiten durch Techniken des Körpers neu vernetzen, die uns dazu bringen, unsere Ohren, Augen, Hände, Münder in ganz neuer Art und Weise einzusetzen und die technische Voraussetzung für Solidarität und Gemeinschaft zu schaffen. Von diesem Standpunkt aus sind es nicht die Religionen, die die Medien nutzen, sondern die Medien, die Voraussetzungen schaffen, durch die die Religionen existieren und die religiöse Praxis greifbar wird. Dies ist jedoch zugleich das Terrain, das Theoretiker der Religion zuschreiben. Emile Durkheim argumentierte bekanntermaßen, dass unsere grundlegenden Denkkategorien wie Raum, Zeit, Zahlen, Genus – „in der Religion und aus der Religion geboren sind“ [1, eigene Übersetzung]. Außerdem setzen Religionen für Durkheim und seinen Schüler Marcel Mauss grundlegende disziplinäre Praktiken – praktische Techniken der Wiederholung – in Gang, die auf den Körper einwirken und aus denen die Erfahrung von Zeit, Raum, Gemeinschaft entsteht. So wird Religion weitergegeben, „geht in uns ein und verschmilzt mit unserem inneren Leben“ (419)[2, eigene Übersetzung].

Medientheorie und Religionstheorie sind also manchmal eifersüchtige Cousins, die um dasselbe Gebiet wetteifern, dieselben Prozesse nutzen. Den wettstreitenden und sich dabei zugleich gegenseitig beeinflussenden Interaktionen zwischen Religion und Medien steht der Widerspruch gegenüber, dass die Medientheorie in ihrer Orientierung häufig konstitutiv säkular war. Das bedeutet nicht nur, dass moderne Medientechnologien von Wissenschaftlern üblicherweise als mutmaßlich säkular betrachtet werden, sondern auch, dass Medien die Kraft zugeschrieben wird, die die Säkularisation vorantreibt. Säkularismus ist in diesem Sinne eine Art praktischen Trainings, das sich von den externen Ideologien der Aufklärung oder des Liberalismus trennen lässt und in Medienmaschinen von der Fähigkeit zu Lesen und zu schreiben, über gedruckte und elektronische Medien angesiedelt ist. Dies sind die säkularen Maschinen der Moderne. Mein Ziel ist es, diese Themen eingehender zu betrachten und die Komplizenschaft und Unterscheidung zwischen Medien und Religion in Frage zu stellen. Anschließend untersuche ich zentrale Momente der Medieneinführung und deren Bezug zur religiösen Praxis. Auf der Grundlage archivarischer und ethnografischer Untersuchungen in Nigeria und Kolonialarchiven in England konzentriere ich mich auf den Moment, in dem der Koran auf verschiedene Plattformen übertragen wurde – insbesondere Grammophonaufnahmen und Radio – und die daraus entstehenden Kontroversen. Ich betrachte die Fatwas als privilegierte Räume, in denen die Ontologie der Medien im Kontext des islamischen Rechts besprochen wird und wo die Praktiken von Technologie und religiösem Recht zueinander in Bezug gesetzt werden. Das Radio wirkt über das Gehör, doch wie Charles Hirschkind argumentiert hat, ist beispielsweise das „Zuhören“ auch eine religiöse Kompetenz, ein sozial regulierter Zustand, den man innerhalb der Normen und Operationen der religiösen Praxis kultiviert. Das islamische Recht diszipliniert, wie die säkulare Maschine des Phonografen zu verwenden ist, genauso wie der Phonograph die rituellen Konditionen des Koran ihrer Stabilität beraubt. Durch die Betrachtung der Materialität der Medientechnologien im Kontext islamistischer Bewegungen in Nigeria untersuche ich die Verbindungen zwischen Technologien und religiöser Praxis.

Publikationen

Monographien

Signal and Noise: Media, Infrastructure and Urban Culture in Nigeria. Durham, NC: Duke University Press 2008.

Herausgaben

mit Charles Hirschkind (eds.): “Media and the Political Forms of Religion”. Special Edition of Social Text, No. 96 (Fall 2008).
mit Faye Ginsburg, Lila Abu-Lughod (eds.): Media Worlds: Anthropology on New Terrain. Berkeley: University of California Press 2002.

Artikel

“Imperial Circulation: Cinema and the making of anxious colonialists”. In: Brian Edwards, Dilip Gaonkar (eds.): Globalizing American Studies. Chicago: Chicago University Press. (forthcoming 2010)
“Islamic, Renewal, Radio and the Surface of Things”. In: Birgit Meyer (ed.): Aesthetic Formations: Media, Religion, Senses. New York: Palgrave 2009, p. 117-136.
“On National Allegory”. In: Social Text, No. 100 (Fall 2009), p. 164-168.
with Birgit Meyer: “Pentecostalism, Islam and Culture: New Religious Movements in West Africa”. In: Emmanuel Akyeampong (ed.): Themes in West African History. Oxford: James Currey 2006, p. 286-312.
“Degraded Images, Distorted Sounds: Nigerian Video and the Infrastructure of Piracy”. Public Culture, Vol. 16, No 2 (Spring 2004), p.289-314.