Elena Esposito Ehem. Senior Fellow

Elena Esposito
Oktober 2013 - März 2014

Vita

Elena Esposito, born 1960, is an Associate Professor of Sociology of Communication at the Università di Modena e Reggio Emilia since 2001. Having studied Political Sciences and Philosophy with Umberto Eco at the Università di Bologna, Esposito received a scholarship from the DAAD for the Fakultät für Soziologie at the Universität Bielefeld (1986-1990). In 1990, she gained her doctorate with Niklas Luhmann for her dissertation entitled “Die Operation der Beobachtung”. From 1990 to 1992, Esposito worked as a research assistant, from 1993 to 2000 as a researcher and lecturer at the Facoltà di Sociologia at the Università degli Studi di Urbino. She held a research fellowship by the Alexander von Humboldt-Stiftung at the Institut für Philosophie at the Freie Universität Berlin (1998-1999) and a position as visiting pro-fessor at the Institut für Soziologie of the Universität Wien (2000). In 2001, she habilitated at the Universität Bielefeld and received her Italian “idoneità” in Sociology. Professor Esposito was a visiting scholar at the Universidad de Oviedo (2005) and the Università di Scienze Gastronomiche in Pollenzo (2007-2009). Additionally, Esposito served as an editor of the magazines Teoria sociologica (1992-1995) as well as Soziale Systeme: Zeitschrift für soziologische Theorie (2000-2006) and still holds positions as an advisory board member of the magazines Erwägen Wissen Ethik, Trivium and Teoria sociale. Her current research focuses on the ‘social memory’ and traces the process of memorization in digital media such as the web from a systems-theoretical perspective.

IKKM Forschungsprojekt

Ars oblivionalis – digitale Techniken des Erinnerns und Vergessens Die Kommunikation im Internet scheint, wie jüngste Erfahrungen zeigen, anstatt im Sinne moderner Semantik von der Vergangenheit zu befreien, auf eine sehr viel restriktivere und schwierigere Weise als in früheren Gesellschaftsformationen an die Vergangenheit zu binden. Die Nutzung von nicht denkenden und nicht erinnernden Maschinen scheint der Erinnerung ein anderes – besonders schwer wiegendes – Gewicht zu verleihen. Das Netz erinnert alles: Beweise hierfür sind jüngste Erfahrungen mit Facebook oder anderen sozialen Netzwerken, die schnelle Verbreitung von Profilerstellungspraktiken im kommerziellen, organisatorischen und sogar rechtlichen Bereich, Datenschutzfragen und viele weitere heikle und schwierige Probleme. Es handelt sich in allen Fällen um eine Frage des Umgangs mit bzw. der Konstruktion des Gedächtnisses und der Erinnerung, die sich auf drastische Weise von den bereits bekannten Formen unterscheidet.

Dies ist insbesondere der Fall, weil das Problem sich vom exzessiven Vergessen (begrenzten Mnemotechniken in antiken Gesellschaften und später Schreib- und Archivtechniken) hin zum exzessiven Erinnern in der Gesellschaft der Gegenwart verschoben hat, für das es uns noch an den notwendigen konzeptionellen (und sogar operativen) Werkzeugen fehlt. Das Projekt versteht sich als ein Beitrag hierzu, der folgende Vorschläge umfasst:

  • die Untersuchung der Art und Weise, auf die das Netz, das auf immer mehr virtualisierten Maschinen an anderen Standorten basiert (‚Cloud‘) ein Äquivalent des Gedächtnisses produziert – oder der Gesellschaft die Werkzeuge zu seiner Produktion bietet. Aus der Perspektive der Maschine geht es dabei nicht um das Erinnern, d. h. die Rekonstruktion der Vergangenheit aus der (notwendigerweise anderen) Perspektive der derzeitigen Gegenwart, sondern um das Lesen von Daten aus der synchronen Perspektive eines Netzwerks, das zwischen Vergangenheit und Gegenwart nicht unterscheidet.
  • die Analyse der Prozesse innerhalb des Netzes, die es erlauben ein Äquivalent der Erinnerung zu erzeugen und darüber hinaus Formen der Antizipation zu schaffen (ein Äquivalent der Zukunft): z. B. die ausgefeilten Verfahren bei Google, mittels derer Nutzerfragen vervollständigt werden bevor sie formuliert (und möglicherweise sogar bevor sie gedacht) wurden – Google Instant – oder die Vorhersage von Kaufentscheidungen oder die (in der Finanzwelt verbreitete) Konstruktion von Szenarien, welche die Antizipation einer offenen Zukunft auf der Basis des Umgangs mit vergangener Unsicherheit versprechen.
  • die Interpretation dieser Praktiken im breiteren Kontext einer Netzintelligenz, die sich längst nicht mehr um die Reproduktion und Simulation von Formen menschlichen Bewusstseins und menschlicher Intelligenz bemüht. Sie versucht nicht, die Orientierung der Nutzer – hin zu Alternativen und offenen Möglichkeiten – zu reproduzieren, sondern nutzt diese, um ihre eigenen Abläufe zu verfeinern. Die Netzintelligenz stützt sich auf Nutzerinterpretationen, um ihre eigenen Auswahlmechanismen zu steuern.
  • die Reflektion der sozialen Konsequenzen dieser Techniken für den Umgang mit Gedächtnis und Geschichte, z. B. in der politischen Sphäre (Transformationen der öffentlichen Meinung), in den Medien (Formen der Verallgemeinerung und Personalisierung von Kommunikation), auf wirtschaftlichem Gebiet und im Finanzwesen (Entwurf und Management von auf Computermodellen beruhenden Szenarien) und generell in der Wahrnehmung und Kommunikation von Risiken und zukunftsbezogener Unsicherheit.

Publikationen

Monographien

Il futuro dei futures: Il tempo del denaro nella finanza e nella società. Pisa: ETS 2009 (dt. Die Zukunft der Futures: Die Zeit des Geldes in Finanzwelt und Gesellschaft, Heidelberg: Carl Auer 2010).
Die Fiktion der wahrscheinlichen Realität. Frankfurt a.M.: Suhrkamp 2007.
I paradossi della moda: Originalità e transitorietà nella società moderna. Bologna: Baskerville 2004 (dt: Die Verbindlichkeit des Vorübergehenden: Paradoxien der Mode. Frankfurt a.M.: Suhrkamp 2004).
La memoria sociale: Mezzi per comunicare e modi di dimenticare. Roma/Bari: Laterza 2001 (dt. Soziales Vergessen: Formen und Medien des Gedächtnisses der Gesell-schaft, Frankfurt a.M.: Suhrkamp 2002).

Herausgaben und Mitherausgaben

mit Giancarlo Corsi: Reform und Innovation in einer unstabilen Gesellschaft. Stuttgart: Lucius & Lucius 2005.

Artikel

“Neuheit und Evolution”. In: Thomas Kisser (ed.): Ereignis und System: Niklas Luhmann und die Geschichtsschreibung. Zürich: diaphanes (forthcoming).
“Die Formen des Web-Gedächtnisses”. In: Christian Brunnert, René Lehmann, Florian Öchsner and Gerd Sebald (eds.): Formen und Funktionen sozialer Gedächtnisse: Sozial- und Kulturwissenschaftliche Perspektiven. Bielefeld: Transcript (forthcoming).
“Die Realität des Virtuellen”. In: Susanne Knaller, Harro Müller (eds.): Realitätskonzepte in der Moderne: Beiträge zu Literatur, Kunst, Philosophie und Wissenschaft. München: Fink 2011, pp. 265-283.
“Zwischen Komplexität und Beobachtung: Entscheidungen in der Systemtheorie”. In: Soziale Systeme: Zeitschrift für soziologische Theorie, 15, 2009/1, pp. 54-61.
“Social Forgetting: A Systems-Theory Approach”. In: Astrid Erll and Ansgar Nünning (eds.): Cultural Memory Studies: An Interdisciplinary and International Handbook. Berlin, New York: De Gruyter 2008, pp. 181-189.
“Vom Modell zur Mode: Formen und Medien der Nachahmung”. In: Soziale Systeme: Zeitschrift für soziologische Theorie, 9/1, 2003, pp. 88-104.