Irina Podgorny Ehem. Senior Fellow

Irina Podgorny
Oktober 2013 - März 2014

Vita

Irina Podgorny is a Permanent Research Scholar at the CONICET (Consejo Nacional de In-vestigaciones Científicas y Técnicas, since 1995), as well as Professor (ad honorem) and Di-rector of the Archivo Histórico y Fotográfico
at the Facultad de Ciencias Naturales y Museo of the Universidad Nacional de la Plata. After having studied anthropology in La Plata (1981-1987), Podgorny passed her graduate studies in Social History and History of Ideas at Uni-versidad de Buenos Aires (1988-1993). In 1994, she received her Ph.D. in Anthropology (cf. bibliography). From 2001 to 2012, Podgorny was Professor of History of Science at the Uni-versidad de Quilmes, Argentina. Podgorny held numerous professorships and scholarships: among others, she received a fel-lowship by the Humboldt Foundation with Friedrich Kittler (2002-2003) and worked as a Visiting Scholar in Berlin (1998; 2009-2011), Paris (1999) and New York (2010). Podgorny was a Visiting Professor in Rio de Janeiro (2000-2001), at Paris 7-Diderot, Paris 1-Sorbonne (2008) as well as the EHESS (2010) and, most recently, held the Lewis P. Jones Professorship at Wofford College in South Carolina (2012). She serves as an assistant editor of the “Earth Sciences History Journal” and as an editorial board member of “Science in Context”. From 2013 on, Podgorny will be the director of a binational research program between CONICET and Université Paris Diderot.

Forschungsgebiete

History of science; history of archaeology; social history of medicine; history of paleontology; history of collections (formation of Latin and American collections, e.g. museums, archives, libraries).

IKKM Forschungsprojekt

Händler alter Knochen. Südamerikanische fossile Säugetiere und die Entstehung der Paläontologie (1780-1860)

Im Zentrum dieses Projektes stehen die Ausgrabung von und der Handel mit Tierknochen aus Südamerika in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. In einem Kontext kommerzieller Rivalität zwischen französischen, amerikanischen, sardischen und britischen Interessen standen eine große Anzahl an Einzelpersonen, gelehrten Gesellschaften und Mäzenen aus der ganzen Welt im Wettstreit um ihren Besitz. Südamerikanische fossile Säugetiere zogen die Aufmerksamkeit der gelehrten europäischen Welt auf sich, wurden zu Sammlungen in Rio de Janeiro, London, Paris und Berlin verschifft und in die Sprache der Wissenschaftsdisziplinen integriert. Die Paläontologie, ein 1822 in Frankreich geprägter Begriff, entstand als eine durch diesen Handel definierte akademische Disziplin. Durch das Einfügen der Knochen in gegliederte Skelette in anatomischen Sammlungen wurden die daraus entstehenden zoologischen Entitäten zu Selbstdarstellungen. Weit davon entfernt, so in der Natur vorgefunden zu werden, entstanden diese „mächtigen Skelette“ aus der Mobilisierung und Wiederzusammenführung von Fragmenten durch den Handel und die Kommunikationskanäle, die zwischen den Amerikas und Europa bestanden. Südamerikanische Fossilien wurden zu unter den durch Konsuln, Reisende, Händler und Einheimische zirkulierenden Gütern und Informationen verstreuten Bruchstücken. Die Errichtung eines Skeletts symbolisierte nicht nur das Wissen um vergleichende Anatomie und Zoologie, sondern auch den Besitz von Fähigkeiten und Ressourcen für den Aufbau von Handelsnetzwerken und Informationsketten. In diesem spezifischen Sinn besteht das Ziel dieses Projektes darin, die Kreisläufe zu rekonstruieren, in denen Daten, Informationen und Knochen als naturhistorische Gegenstände, welche die europäischen und südamerikanischen Welten verbanden, ausgetauscht wurden. Es soll gezeigt werden, dass die wissenschaftlichen Bestrebungen weder vom Handel mit lokalen Produkten, noch von den materiellen Wegen getrennt werden können, die die Post, die Navigationswege und die in Südamerika aufgebauten Handelshäuser vorgaben. Es werden drei für den Handel mit naturhistorischen Gegenständen im Allgemeinen und Knochen im Besonderen relevante Themen untersucht: Erstens werden die Akteure und die Dynamik der Mobilisierung dieser Objekte in den Blick genommen. Unter den Bedingungen der Auflösung der spanischen Kolonialbürokratie und des Fehlens eines neuen Staates wurden naturhistorische Gegenstände zu Handelsgütern, die unter Altertumsforschern und Händlern zirkulierten und neue kontroverse Wissensobjekte generierten. Zweitens werden die intellektuellen Praktiken reflektiert, die mit dem Handel und der Zirkulation von Knochen verbunden waren, insbesondere der „Transaktionscharakter“ – wie ich ihn nenne – der wissenschaftlichen Unternehmungen. Drittens werden die bürokratischen Abläufe beschrieben, die die Praxis der Paläontologie in der Folge prägen würden. Die verschiedenen Protokolle der Naturbeobachtung und -beschreibung, Traditionen der Darstellung von Skeletten, Feldforschung, lokales Wissen, die lokale Bedeutung von Knochen für die Gewerbe- und Farmverwaltung, Korrespondenznetzwerke und die Entwicklung der lokalen Presse trugen zur Gestaltung der Paläontologie in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts bei. Meine These ist, dass die von verschiedenen bürokratischen Abteilungen der staatlichen Verwaltung für die Beobachtung und Dokumentation verwendeten Protokolle zur Schaffung eines Grundmusters betrugen, das in der Folge auf zufällige Weise Eingang in die Praktiken der neuen Disziplin der Paläontologie fand.

Publikationen

Monographien

Dealers in Old Bones: South American fossil mammals and the emergence of paleon-tology, 1780-1860 (Cultural History of the Material World Series). New York/ Michi-gan: Bard Graduate Center, University of Michigan Press (forthcoming). Charlatanes: Crónicas de Remedios Incurables. Buenos Aires: Eterna Cadencia 2012. Guido Bennati: Los viajes en Bolivia de la Comisión Médico Científico Quirúrgica italiana. Santa Cruz de la Sierra: Fundación Nova 2011. El sendero del tiempo y de las causas accidentales: Los espacios de la Prehistoria en la Argentina, 1850-1910. Rosario: Prohistoria 2009. Arqueología de la educación: Textos, indicios, monumentos: La imagen de los indios en el mundo escolar. Buenos Aires: Sociedad Argentina de Antropología 1999 (doctoral thesis).

Herausgaben und Mitherausgaben

with M. Achim: Descripción densa, historia de la ciencia y las prácticas del coleccio-nismo en los años de la Independencia Iberoamericana. Rosario: CEISAL, Prohistoria, Universidad del Litoral (forthcoming). with T. Kelly: Los secretos de Barba Azul: Fantasías y realidades sobre el Archivo del Museo de La Plata. Rosario: Prohistoria 2012.

Artikel

“The Archaeology of ‚New Fossils’ in the decade of 1860. The Great Auk, Game Books, and the Register of Historic Extinctions”. In: N. Dias and F. Vidal (eds.): The Cultures of Endangerment. Chicago: Chicago University Press (forthcoming). “Changing the Dead to Statues of Stone. Synthesis of Fossils, Petrifaction, Photog-raphy, and the Chemistry of the Gorgonean Arts”. In: Nuncius, Vol. 27/2, 2012, pp. 289-308. “Fossil Dealers, the Practices of Comparative Anatomy, and British Diplomacy in Lat-in America, 1820-1840”. In: British Journal for the History of Science, 2012, published online, pp. 1-28. “Neomylodon”. In: S. Azzouni et.al. (eds.): Eine Naturgeschichte für das 21. Jahrhun-dert: hommage à, zu Ehren von, in honor of Hans-Jörg Rheinberger. Berlin: Max Planck Institut für Wissenschaftsgeschichte 2011, pp. 94-96.