Iris Därmann Ehem. Senior Fellow

Iris Därmann
Oktober 2012 - März 2013

Vita

Iris Därmann ist Professorin für Kulturwissenschaftliche Ästhetik am Institut für Kulturwissenschaft der Humboldt-Universität zu Berlin. Von 2009-2011 war sie Professorin für Geschichte der Kulturtheorien am Exzellenzcluster Topoi. Sie studierte Philosophie, Soziologie und Sozialpsychologie an der Ruhr-Universität Bochum, wo sie 1993 als Stipendiatin des Graduiertenkollegs „Phänomenologie und Hermeneutik“ promoviert wurde. Ihre venia legendi erhielt sie 2003 für die Fächer Philosophie und Kulturwissenschaft an der Universität Lüneburg. 2005 bis 2006 war sie Visiting Fellow am IFK Wien und Gastdozentin an der Leibnizpreis-Forschungsstelle „Kulturtheorie und Politische Theorie des Imaginären“ der Universität Konstanz, von 2007-2008 Fellow am Kulturwissenschaftlichen Kolleg des Exzellenzclusters „Kulturelle Grundlagen von Integration“ der Universität Konstanz. Von 2009 bis 2011 war sie Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Phänomenologische Forschung. Seit WS 2012/13 ist sie Sprecherin der Forschergruppe „Oikonomia/Ökonomie“ im Exzellenzcluster Topoi und Mitglied der Forschergruppe „Piktogramme“ des Exzellenzcluster Bild Wissen Gestaltung.

Forschungsschwerpunkte

Das Haus, Wissenstaxonomien und Mysterien der Ökonomie; die Geschichte des Dienens (von der Sklaverei zu Servicegesellschaft); die Geschichte des rituellen und moralischen Opfers; Medien, Bild- und Repräsentationstheorien; Phänomenologie, Psychoanalyse, französische Gegenwartsphilosophie; Kulturtheorien, Ethnologie, Konzepte des Fremden; Theater- und Tragödientheorien; Theorien des politischen Körpers und der Geselligkeit

IKKM Forschungsprojekt

Dienen: Von der Sklaverei zur Dienstleistungsgesellschaft

1949 konnte Jean Fourastié die Dienstleistungsgesellschaft zur „großen Hoffnung des 20. Jahrhunderts“ erklären. Noch immer bilden Dienstleistungen einen wichtigen Wachstums- und Beschäftigungssektor. Heute ist man jedoch versucht, das Projekt der Dienstleistungsgesellschaft mit ihren ins Nirwana führenden Service-Hotlines und Offshore-Call-Centers als eine Perversion der Idee des Service zu erklären. In praxi zwingt sie den Kunden dazu, seine ökonomisch-bürokratischen Transaktionen im wachsenden Maße selbst auszuführen. Dabei bedient er stets auch störanfällige technische Dinge mit „gestalteter Souveränitätssimulation“ (Sloterdijk). Die Dienstleistungsgesellschaft bezieht ihren imaginären Kredit aus einem Ethos des Dienens, dem sie selbst nicht entspricht. Im Mittelpunkt steht daher die Frage nach der kulturgeschichtlichen Umwertung der Werte von Herrschen und Dienen. Wie konnte sich aus dem seit der Antike verachteten Sklavendienst ein Ethos und Projekt des Dienens entwickeln, das die „ganze“ Gesellschaft ausrichten soll? Sechs symptomatische Einsätze sind dabei von Interesse: 1. Ausgehend von den antiken Interaktionsordnungen geht es um das Ensemble jener Praktiken (Befehl) und Dinge (Peitsche), mit deren Hilfe der Sklave zum Sklaven gemacht, zum „beseelten Werkzeug“ und Haustier degradiert wird. Dabei stehen jene Tugenden des Sklaven in Frage, die bereits die antiken Autoren diskutieren. 2. Mit der Gladiatur, den Tierhetzen und der damnatio ad bestias rücken der sklavische Charakter des Schauspielers und seine stoische Todesverachtung in den Blick. Von deren emblematischer Kraft profitieren die bellizistischen Theorieszenen von Hobbes über Locke bis Hegel, die in der Anerkennung der Arbeit des Sklaven einmünden. 3. Die ökonomischen Traktate der Antike und Neuzeit sind hinsichtlich der Unterscheidung von produktiver und reproduktiver, geistiger und körperlicher Arbeit und d.h. unter der Frage der Aufwertung der Reproduktionsarbeit von Belang. 4. Mit dem paulinischen Selbstverständnis als „Sklave des Messias“ kommt eine liminale Umwertung der Werte von Herrschen und Dienen ins Spiel. Die paulinische Konzeption des Bischofs- bzw. Papstamtes als servus servorum Dei transformiert auch das christliche Verständnis des Herrschers, der als Verwalter und Diener Gottes auftritt. Sie ist nicht nur in allen Devotionsformeln („Ihr ergebenster Diener“) gegenwärtig, sondern wirkt noch im demokratischen Staatsverständnis und „Dienstwissen“ der modernen Verwaltung nach. 5. Ausgespart werden kann auch nicht die die agonale Kultur des Mittelalters orientierende Dienstmentalität, bei der Gottes-, Waffen-, Hof- und Frauendienst ineinander spielen. 6. Schließlich geht es um die rechtliche Abschaffung von Leibeigenen, Domestiken und Sklaven, die ihren aufsässigen Dienststatus an die industriell gefertigten Dinge abgetreten und seit Heideggers Zeuganalyse eine ganze Heerschar von Dingtheorien mobilisiert haben.

Publikationen

Monographien

Geschichte der Kulturtheorien. Hamburg: Junius.
Theorien der Gabe zur Einführung. Hamburg: Junius 2010.
Figuren des Politischen. Frankfurt am Main: Suhrkamp 2009.
Fremde Monde der Vernunft: Die ethnologische Provokation der Philosophie [habilitation]. München: Fink 2005.
Tod und Bild: Eine phänomenologische Mediengeschichte [dissertation]. München: Fink 1995.

Artikel

"Anthropophagie". In: Harun Maye and Leander Scholz (eds.): Einführung in die Kulturwissenschaft.Stuttgart: UTB 2011.
"Die Auferweckung des eigenen Todes. Heidegger und Freud". In: Cornelia Klinger (ed.): Perspektiven des Todes in der modernen Gesellschaft. Wien/Köln/Weimar: Böhlau 2009, p. 75-97.
"Wie getrennt zusammenleben? Über Politik und die politische Bedeutung von Zwischenräumen". In: Allgemeine Zeitschrift für Philosophie 33.3 (2008), p. 219-235.
"Landnahmen. Menschennahmen. John Locke und der transatlantische Sklavenhandel". In: Volker Gottowik, Holger Jebens and Editha Platte (eds.): Zwischen Aneignung und Verfremdung: Ethnologische Gratwaderungen. Festschrift für Karl-Heinz Kohl. Frankfurt/New York: Campus Verlag 2008, 69-82.
"Obsessive Bilder in Bewegung oder: Pikturale (Fremd-)Darstellungen in europäischer, fremd- und interkultureller Sicht". In: Paideuma 50 (2004), p. 59-78.
"Quand la mémoire devient image de souvenir: Husserl et Freud". In: Eliane Escoubas and Bernhard Waldenfels (eds.): Phénoménologie française et phénoménologie allemande. Paris: L'Harmattan 2000, p. 271-293.
with Detlef Thiel: "Gespenstergespräche: Über einige Archive des Vergessens und Institutionen der Psychoanalyse". In: Phänomenologische Forschungen, Neue Folge 3 (1998), p. 245-275.
"Mehr als ein Abbild/kein Abbild mehr: Derridas Bilder". In: Phänomenologische Forschungen, Neue Folge 1 (1996), p. 239-268.