Linda Dalrymple Henderson Beirat

Linda Dalrymple Henderson
April - September 2010

Vita

Linda Dalrymple Henderson erwarb Ihren Doktortitel an der Yale University und lehrt seit 1978 am Institut für Kunst und Kunstgeschichte der University of Texas in Austin europäische und amerikanische Kunst des 20. Jahrhundert. Zuvor arbeitete sie von 1974 bis 1977 als Kuratorin für moderne Kunst am Museum of Fine Arts in Houston. Linda Dalrymple Henderson war von 1988 bis 1989 Guggenheim Fellow, ist Mitglied der Academy of Distinguished Teachers und hat die David Bruton, Jr. Centennial Professorship in Kunstgeschichte inne. 2003 war sie Mitorganisatorin der nationalen Konferenz der Society for Literature and Science (jetzt: Society for Literature, Science, and the Arts) mit dem Thema »Rethinking Space and Time Across Science, Literature, and the Arts.«

Forschungsgebiete

Europäische und amerikanische Kunst des 20. Jahrhunderts, mit Schwerpunkt auf der Zeit von 1900 bis 1930; interdisziplinäre Forschung zum Modernismus, einschließlich der Beziehung der modernen Kunst zu Gebieten wie Geometrie, Naturwissenschaft und Technologie sowie mystischen und okkulten Lehren.

IKKM Forschungsprojekt

Die Energien der Moderne: Kunst und Wissenschaft im frühen 20. Jahrhundert

Eine Geschichte der Entstehung der modernen Kunst im Kontext der Wissenschaft des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts – vor deren Hintergrund sie entstand und von der immer wieder Impulse ausgingen – gibt es nicht. Obwohl die wichtigsten Entwicklungen in der Relativitätsphysik in den Jahren 1905, 1908 und 1916 stattfanden, war Einstein außerhalb der Welt der Wissenschaft kaum bekannt, bis ihm im November 1919 die Sonnenfinsternis zu plötzlichem Ruhm verhalf, mit der er eine der Prognosen seiner Theorie beweisen konnte. Stattdessen gründete das öffentliche Verständnis der „Wissenschaft“ im frühen zwanzigsten Jahrhundert auf einer Reihe von Entwicklungen, die ab Mitte der 1890er Jahre die zeitgenössische Wahrnehmung von Materie und Raum verändert hatten. Röntgens Entdeckung der Röntgenstrahlen (1895), Thomsons Identifikation des Elektrons (1897), Madame Curies Isolierung radioaktiver Elemente (1898), Rutherfords darauf basierende Arbeit zur Struktur des Atoms und das Aufkommen der drahtlosen Telegrafie wiesen alle auf eine unsichtbare Realität hin, die sich der menschlichen Wahrnehmung entzog. Mehr noch: die Wissenschaft war zu dieser Zeit dem Alltagsleben nahe und ihre Anwendungen, die Röntgenstrahlen in der Medizin oder die drahtlose Telegrafie, veränderten nachhaltig, wie die Menschen die Dinge sahen und miteinander kommunizierten.

So einte die Künstler der Avantgarde im frühen 20. Jahrhundert eine gemeinsame Kultur der popularisierten Wissenschaft, die in der Geschichte der modernen Kunst und der Moderne im Allgemeinen weitgehend ignoriert wurde. Ein zentrales Element dieser Weltsicht war der Äther des Weltraums, der entgegen der landläufigen Geschichtsschreibung nicht bereits mit Einsteins Publizierung der Relativitätstheorie im Jahr 1905 verschwand. Als den gesamten Raum und die Materie durchdringend, als notweniges Medium sichtbarer und unsichtbarer schwingender elektromagnetischer Wellen, wurde der Äther auch als potenzielle Quelle der Materie selbst betrachtet. Er galt zudem im frühen 20. Jahrhundert ein wichtiges Zeichen der Kontinuität, wie Umberto Boccionis Bezeichnung des Äthers als „einzigartige Form der Kontinuität im Raum“ (eigene Übersetzung), der Titel seiner wohl bekanntesten Skulptur, deutlich zeigt. Der Äther in Schwingung wurde außerdem häufig mit einem zweiten Element der Faszination des frühen 20. Jahrhunderts mit unsichtbaren „Meta-Realitäten“ in Zusammenhang gebracht – dem weitverbreiteten Glauben an eine suprasensible vierte Dimension des Raumes. Den Äther und diese vierte Dimension ereilte, als Einsteins Ideen erst wissenschaftliche und öffentliche Akzeptanz erzielten, dasselbe Schicksal. (Einstein definierte die vierte Dimension als Zeit und erklärte, der Äther hab keinerlei mechanische Eigenschaften.) Der Paradigmenwechsel, der auf diesen Moment erfolgte, lässt darauf schließen, dass die Kunst (und Literatur) des frühen 20. Jahrhunderts im Kontext zweier „Modernen“ diskutiert werden sollte.

Ein weiterer wenig beachteter Aspekt der Moderne der Jahre vor 1920, der ebenfalls auf der Ätherphysik basierte, war eine weit verbreitete Offenheit gegenüber dem Okkulten. Tatsächlich waren sowohl der Äther als auch die vierte Dimension Orte, an denen sich Wissenschaft und Okkultismus überschnitten. In diesem Kontext verzeichneten Figuren wie der französische Arzt Hippolyte Baraduc Erfolge, der versuchte, Schwingungsmuster des Äthers, in denen er Ausstrahlungen der Gedanken vermutete, fotografisch festzuhalten. Die Beschäftigung mit dem populärwissenschaftlichen Milieu dieser Periode und den damit eng verwobenen okkulten Ideen, wirft Licht auf Kunst und Theorien einer Reihe von Künstlern des frühen 20. Jahrhunderts, denen eine Kultur gemeinsam war, die man als „schwingende Moderne“ bezeichnen könnte. Dies gilt insbesondere für Figuren wie Boccioni, František Kupka und Wassily Kandinsky, für die Wissenschaft und Okkultismus zwei zentrale Bezugspunkte darstellten.

Publikationen

»Modernism and Science«, in: Vivian Liska and Astradur Eysteinsson (ed.): Modernism, Amsterdam: John Benjamins 2007, p. 383-403.
»Space, Time and Space-Time. Changing Identities in the Fourth Dimension in Twentieth-Century Art«, in: Lucinda Barnes (ed.): Measure of Time, Berkeley: Berkeley Museum of Art and Pacific Film Archive 2007, p. 86-101.
Four-Dimensional Space or Space-Time: The Emergence of the Cubism-Relativity Myth in New York in the 1940s, in: Michèle Emmer (ed.): The Visual Mind II, Cambridge: MIT Press 2005, p. 349-397.
(ed): Writing Modern Art and Science, Cambridge: Cambridge University Press 2004.
with Bruce Clarke (ed.): From Energy to Information: Representation in Science and Technology, Art, and Literature, Stanford: Stanford University Press 2002.
Duchamp in Context: Science and Technology in the Large Glass and Related Works, Princeton: Princeton University Press 1998.
The Fourth Dimension and Non-Euclidean Geometry in Modern Art, Princeton: Princeton University Press, 1983.

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