Manfred Schneider Ehem. Senior Fellow

Forschungsprojekte

Paranoia und politische Gewalt

Zum Abschluss meiner langjährigen Arbeiten zu dem Thema „Paranoia und politische Gewalt“ befasse ich mich mit jugendlichen Attentätern und gewalttätigen Schülern sowie dem spezifischen Weltverhältnis, das diese entwickelt haben. Paranoia ist im Kern eine Interpretation, die auf der Grundlage geringer Datenmengen (Zeichen, Bildern, Texten, Gesten) eine kaum zu erschütternde Gewissheit errichtet. Auch in den Fällen jugendlicher Selbstmordattentäter (es gibt eigentlich nur jugendliche Selbstmordattentäter) lässt sich diese am Ende zerstörerische Gewissheit beobachten. Die Frage, die sich mir dabei stellt, lautet: Sind solche Gewissheit und solches Gewissheitsverlangen eine psychologische Anomalie oder bilden sie den Ausdruck einer bestimmten Bindung an Institutionen, die den Halt in der Welt sicherstellen. Ist die Gewissheit eine mentale Institution?

Archiv des Beispiels

Dieses Projekt, das ich mit einer Gruppe von Mitarbeitern entwickelt habe, soll die Kultur des Beispiels und Beispielgebens in den modernen Wissenschaften untersuchen. Seitdem die Wissenschaften neue empirische Felder entdecken und theoretisch wie systematisch erfassen, werden Einzelbeispiele nötig, um abstrakte Gedanken, Thesen zu veranschaulichen oder evident zu machen. Im Unterschied zum Exempel hat das Beispiel einen kontingenten Charakter; es könnte durch ein anderes ersetzt werden. Es gibt daher Sprachen, Stile, Konventionen des Beispielgebens. Einen ersten Schwerpunkt bildet das Beispiel im ästhetischen Diskurs zwischen 1750 und 1850. Um 1750 wird das Beispielgeben zu einer Konvention der Darstellung und Argumentation. Um solche Beispiele zu erfassen, wurde bereits eine elektronische Datenbank eingerichtet, in die kontinuierlich Belege aus einschlägigen Schriften von Alexander Gottlieb Baumgarten bis Friederich Theodor Vischer eingetragen werden. Später sollen weitere Disziplinen hinzukommen, wenn dieses Projekt auf die Grundlage einer finanziellen Förderung gestellt wird. Es geht darum, die Möglichkeiten elektronischer Datenverarbeitung zu nutzen, um die Sprachen des Exemplarischen bei einzelnen Autoren wie auch in bestimmten Epochen zu erforschen. Darüber hinaus sehen wir zahlreichen Möglichkeiten, ein solches Archiv für weitere Forschungsaufgaben zu nutzen.