Marc Rölli Ehem. Senior Fellow

September 2011 - Februar 2012

Vita

Marc Rölli (geboren 1969) ist seit September 2011 Professor am Institut für Philosophie der Fatih-Universität in Istanbul. Nach seinem Studium der Philosophie, indischen Philologie und Religionswissenschaft in Marburg und Berlin, promovierte er 2002 an der Ruhr-Universität Bochum. Im selben Jahr wurde er wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Philosophie der TU Darmstadt. Dort habilitierte er 2008 und vertrat anschließend bis 2011 den Lehrstuhl für Theoretische Philosophie. Rölli ist Mitglied des Editorial Boards der Buchreihe „Critical Connections“ (Edinburgh UP), Redaktionsmitglied des Journal Phänomenologie und Herausgeber des Online-Journals Deleuze International.

Forschungsschwerpunkte

Philosophie des 19. und des 20. Jahrhunderts; Philosophische Anthropologie und Kulturphilosophie; Technikphilosophie und Technikethik; Philosophie der Biowissenschaften; Klassische deutsche Philosophie von Kant bis Hegel.

Aktuelle Forschungsschwerpunkte

Pragmatismus: Sozialphilosophische Handlungstheorie, Pluralismuskonzeptionen, Lebenswelt und Technik, Wissenschaftstheorie (Schwerpunkt: John Dewey); Macht und Infrastrukturen – zur Transformation der machttheoretischen Chronologie und Typologie; Geschichte der philosophischen Anthropologie und Anthropologiekritik; Der "ganze Mensch" – eine anthropologische Utopie; Anthropologie und Lebenswissenschaften.

Forschungsprojekt am IKKM

Pragmatismus als Theorie materieller Dispositive Ein sozialphilosophischer Entwurf zur Revision der traditionellen Handlungstheorie

Das Projekt zielt darauf ab, den Pragmatismus als sozialphilosophische Position zu aktualisieren, indem ausgerichtet auf mediale Infrastrukturen eine Theorie materieller Dispositive entworfen wird.1 Der Schwerpunkt der Theoriebildung liegt in einer Revision der traditionellen Handlungstheorie, indem das instrumentelle Handlungsschema neuartig interpretiert wird. Mediale Infrastrukturen sind als Dispositive bestimmbar, sofern sie Handlungsbedingungen definieren, die nicht in einem subjektiven Handlungsträger begründet oder aufgehoben werden können. Die Dispositive unterliegen allen Handlungsformen: Sie lassen sich nicht als strategische einem eigentlichen, lebensweltlich-kommunikativen Handeln entgegensetzen. Den sozialphilosophischen Arbeiten des pragmatistischen Philosophen John Deweys liegt die Idee einer Praxisform zugrunde, die im Namen des sog. "Instrumentalismus" die traditionelle subjekttheoretische Fassung von "Handlungen" aufgegeben hat. Handlungen sind demnach als "Operationen" situativ auf Probleme bezogen, so dass die Explikation ihres Sinns einer Problematisierung von Dispositiven im Sinne von Handlungsgefügen korrespondiert. Der handlungstheoretische Ansatz des Pragmatismus steht nicht in einem prinzipiellen Gegensatz zu strukturalen Ansätzen. Dieser Befund kann medienphilosophisch produktiv gemacht werden, indem Kulturtechniken als Kulturpraktiken (und umgekehrt) in den Blick kommen.

Daraus können vier Fragestellungen abgeleitet werden:

  • Wie muss die seit Max Weber geläufige Typologie der Handlungsformen (zweckrational, wertrational, affektuell, traditional) umgeschrieben werden, wenn das instrumentelle Handlungsschema einer grundlegenden Revision unterzogen wird?
  • Welche Unterscheidungen medialer Infrastrukturen sind relevant, wenn auf materielle Dispositive als Formen von Handlungsmedien reflektiert wird? Lässt sich die Trennung symbolisch generalisierter Kommunikations- und massenspezifischer Verbreitungsmedien (vgl. Luhmann 1997, 202 ff.) aufrechterhalten?
  • Wie genau kann Deweys Instrumentalismus handlungstheoretisch spezifiziert werden, wenn er mit der erst in späteren Jahren in der Logik entwickelten Situations- und Problematisierungstheorie ausgestattet wird? (Vgl. Dewey 1938, 87 ff.)
  • Wie vermittelt eine Theorie materieller, infrastruktureller Dispositive zwischen handlungstheoretischen und strukturtheoretischen Ansätzen? Wo liegen die Differenzen zwischen der pragmatistischen und der traditionell subjektbezogenen Handlungstheorie?

Publikationen

Monographien

Kritik der anthropologischen Vernunft, Habilitation. Berlin, 2011.
Gilles Deleuze: Philosophie des transzendentalen Empirismus. Wien: Turia + Kant, 2003.

Herausgaben und Mitherausgaben:

mit Petra Gehring and Suzana Alpsancar: Raumprobleme: Philosophische Perspektiven. München: Fink, 2011.
mit Friedrich Balke: Philosophie und Nicht-Philosophie: Gilles Deleuze – Aktuelle Diskussionen. Bielefeld: transcript, 2011.
Philosophische Anthropologie: Anspruch und Kritik. Journal Phänomenologie Vol 34, 2010.
mit Andreas Hetzel and Jens Kertscher: Pragmatismus: Philosophie der Zukunft? Weilerswist: Velbrück Wissenschaft, 2008.

Artikel:

"Zu den Sachen selbst! Methodendifferenzen zwischen Husserl und Dewey". In: Journal Phänomenologie Vol. 32, 2010, S. 46-58.
"Natur und Kultur: Oder: Wie der Pragmatismus John Deweys einen traditionsreichen Gegensatz aufhebt". In: Allgemeine Zeitschrift für Philosophie 34.3, 2009, S. 305-329.
"The non-anthropological philosophy of radical pragmatism". In: Europhilosophy, Publication des ateliers pour une approche non-anthropologique de la subjectivité, 2008, http://www.europhilosophie.eu/recherche/spip.php?article338.