Peter Geimer Ehem. Senior Fellow

September 2009 - Februar 2010

Vita

Peter Geimer unterrichtet an der ETH Zürich und ist Privatdozent am kunsthistorischen Seminar der Universität Basel. Er war Fellow am Max Planck Institute für Wissenschaftsgeschichte Berlin und Gastprofessor an der Universität Zürich. Er ist außerdem freier Mitarbeiter im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Er forscht intensiv zu Fragen von Bild und Bildstörung, epistemischen Bildern sowie Resten, Reliquien und Zeugs. Seine Publikationen umfassen u. a. Die Vergangenheit der Kunst. Strategien der Nachträglichkeit im 18. Jahrhundert. Weimar 2002; Theorien der Fotografie. Hamburg 2009 sowie Bilder aus Versehen. Eine Geschichte fotografischer Erscheinungen. Hamburg 2009.

IKKM Forschungsprojekt

Reste, Reliquien, Zeugs

Überall hausen Dinge. Man benutzt sie, sammelt sie, starrt sie an, entsorgt sie oder läßt sie auf sich beruhen. Jedenfalls sind die Menschen, wie Bruno Latour zu Recht bemerkt hat, „nicht mehr unter sich“. Die Gegenstände spielen mit, nehmen Bedeutungen an oder stehen im Weg. Dabei treten immer wieder einzelne Objekte aus der Anonymität heraus und werden zu Gegenständen einer besonderen Aufladung: Im Museum versetzt man Objekte in Vitrinen, leuchtet sie aus und versieht sie mit zahlreichen Einfassungen und Beschriftungen. Aber wer oder was redet in diesen Dingen? Was bleibt beispielsweise vom Leben des Thomas Wolsey in jenem roten Kardinalshut zurück, den er im England des 16. Jhd auf dem Kopf trug (Bibliothek des Christ Church College , Oxford)? Wieso soll eine Tasse beachtenswert sein, nur weil Heinrich von Kleist aus ihr getrunken hat (Kleist-Museum, Frankfurt/ Oder)? In solchen Inszenierungen erhalten die Dinge eine Bedeutung, die man ihnen nicht ansieht, von der man aber wissen kann. Ihre Zeugenschaft wird ihnen zugeschrieben, kann ihnen – wie die Echtheit eines alten Gemäldes – aber auch wieder abgeschrieben werden: Wenn sich die Überlieferung als ungesichert, die Expertise als falsch, die Signatur als mangelhaft erweist, verlieren die Reste Ihren Mehrwert. Die Aura wird ausgeknipst, das Ding fällt auf den „Nullpunkt der Bedeutung“ (Paul Valéry) zurück. Am Beispiel konkreter Objekte und unter Einbeziehung literarischer Texte (u.a. Ponge, Proust, Handke) und theoretischer Positionen (u.a. Latour, Heidegger, Pomian) geht das Projekt der Frage nach, unter welchen Umständen Zeug zum Zeugnis wird, wie die bedeutungsbeladenen Dinge sich aber unversehens auch wieder entladen können.

Publikationen

Die Vergangenheit der Kunst. Strategien der Nachträglichkeit im 18. Jahrhundert. (ed.) Weimar: VDG 2002.
Ordnungen der Sichtbarkeit. Fotografie in Wissenschaft, Kunst und Technologie. (ed.) Frankfurt am Main: Suhrkamp 2002.
Undead. Relations between the Living and the Lifeless / Untot. Verhältnisse von Leben und Leblosigkeit (= Preprint Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte). (Ed.) Berlin: Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte 2003.
»Theorie der Gegenstände. 'Die Menschen sind nicht mehr unter sich’«, in: Person/Schauplatz (= Interventionen 12), Jörg Huber (ed.), Zürich/New York: Springer/Edition Voldemeer 2003, 209-222.
Vorfälle in einer Glasvitrine«, in: Wilhelmstrasse 44, Berlin, Michael Hagner, Anke te Heesen und Candida Höfer (ed.), Köln: Verlag der Buchhandlung Walther König 2003, 91-96.
mit Henning Schmidgen/Sven Dierig. (Ed.). Kultur im Experiment. Berlin: Kadmos Verlag 2004.
»’Hier’. Bern, Kramgasse 47,« in: Einstein on the Beach. Der Physiker als Phänomen, Michael Hagner (ed.), Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuchverlag 2005, 274-290.
»Über Reste", in: Dingwelten. Das Museum als Erkenntisort, Anke te Heesen u. Petra Lutz (ed.), Köln/Weimar: Böhlau 2005, 109-118.
»Nur der Wasserhahn war Zeuge. Warum interessieren wir uns so für Dinge?« in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 17. Februar 2007 (»Bilder und Zeiten«), 3.

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