Reinhold Martin Ehem. Senior Fellow

Mai - August 2011

Vita

Reinhold Martin ist seit 2004 Außerordentlicher Professor an der Graduate School of Architecture, Planning, and Preservation der Columbia University, wo er das PhD Programm für Architektur und das Temple Hoyne Buell Center for the Study of American Architecture leitet. Er promovierte zum Thema “Architecture and Organization, USA c. 1956” und ist Mitherausgeber der Zeitschrift Grey Room. Seine gegenwärtigen Projekte sind "The Architecture of Knowledge: Universities as Technical Media 1750-1950" und "A Philosophy of the City: Abstraction, Risk, and the Sublime". Neben seiner akademischen Tätigkeit betreibt er das Architekturbüro Martin/Baxi und hat zusammen mit Kadambari Baxi an verschiedenen Ausstellungen teilgenommen.

Forschungsschwerpunkte

Geschichte und Theorie von moderner und zeitgenössischer Architektur und Urbanismus; Amerikanische Architektur ab dem 18. Jahrhundert; Kulturtheorie und Globalisierung; Architektur und technische Medien

IKKM Forschungsprojekt

Die Architektur des Wissens: Universitäten als technische Medien 1750-1950

Im Jahr 1897 entwarf der Architekt Charles Follen McKim eine große Holzkugel, die, in mattem Weiß gestrichen, innen in der monumentalen Kuppel der eben fertiggestellten Low Library der Columbia University über dem Lesesaal für die Undergraduates aufgehängt wurde. Diese Kugel wurde durch acht Bogenleuchten entlang der Außenwand der Kuppel beleuchtet und sollte das Mondlicht imitieren.

Momente wie diese deuten darauf hin, dass die Entwicklung der Universitäten in den Vereinigten Staaten im späten achtzehnten, neunzehnten und frühen zwanzigsten Jahrhundert zum Teil auch eine Geschichte der technischen Medien ist. Die Architektur, verstanden als materieller Komplex mit einer eigenen inneren Logik, die Formate des Sehens, des Hörens, der Wahrnehmung und Kommunikation in ein semi-koordiniertes Ensemble integriert, bildet den Kern dieser Geschichte. Die Architektur des Lesens, Schreibens, Beobachtens, Sprechens und Zuhörens, die den amerikanischen Universitäten während des „langen“ neunzehnten Jahrhunderts ihre Form verlieh, entspricht außerdem einer Reihe einander überlappender, post-aufklärerischer öffentlicher Räume. Denn nicht nur war Benjamin Franklin ein Protagonist der Entwicklung des Druckereikapitalismus, er war außerdem einer der Gründer der University of Pennsylvania. McKims elektischer „Mond“ und der kuppelgekrönte Lesesaal schimmern im matten Nachschein der Aufklärung, weil sie einem enigmatischen Medienapparat angehören, in dem Wissen und Macht gemeinsam in die Schatten und wieder heraus gleiten.

Um diesen „Mond“ und die vielen anderen Lichter, Kuppeln, Leseräume, Vorlesungssäle, Bibliotheksmagazine und anderen Dinge zu verstehen, die die Universitätsarchitektur ausmachen, versuche ich, eine allgemeine Geschichte der Intermediation unterschiedlicher räumlicher und technischer Formate in der Produktion, Lagerung und Weitergabe von Wissen zu erstellen. Statt abrupte Paradigmenwechsel zu postulieren, die diese Prozesse formen, konzentriere ich mich auf schleichende, teilweise und einander überlappende Modulationen im epistemischen Feld. Und statt mich auf individuelle Medien zu beschränken, beschäftige ich mich mit spezifischen architektonischen Elementen – Bibliotheken, Unterrichtsräumen, Auditorien, Museen, Kapellen, Observatorien, Laboren und den Campussen selbst – als den Apparaten dieser Intermediation.

Publikationen

Monographien

Utopia's Ghost: Architecture and Postmodernism, Again. Minneapolis: University of Minnesota Press 2010.
with Kadambari Baxi: Multi-National City: Architectural Itineraries. Barcelona: ACTAR 2007.
The Organizational Complex: Architecture, Media, and Corporate Space. Cambridge: MIT Press 2003.

Artikel

"The Problem of the MIT Chapel". In: Arindam Dutta (ed.): CounterModernisms: Architecture and MIT in the Postwar. Chicago: University of Chicago Press 2011. (forthcoming)
"Financial Imaginaries: Toward a Philosophy of the City". In: Felix Vogel (ed.): Pavilion 15 (2010): "Handlung: On Producing Possibilities" (special issue on Bucharest Biennale 4), p. 260-275.
"Fuller's Futures". In Hsiao-Yun Chu and Robert Trujillo (eds.): New Views on R. Buckminster Fuller. Stanford: Stanford University Press 2009, p. 176-190.
"Mass Customization: Architecture and the 'End' of Politics". In: William Kaizen et al. (eds.): Communities of Sense: Rethinking Aesthetics in Practice. Durham, NC: Duke University Press 2009, p. 172-193.
"Liquidity: Architecture and Oil". In Emmanuel Petit (ed.): Philip Johnson: The Constancy of Change. New Haven: Yale University Press 2008, p. 110-119.
"Computer Architectures: Saarinen's Patterns, IBM's Brains". In: Sarah Williams Goldhagen and Réjean Legault (eds.): Anxious Modernisms: Experimentation in Postwar Architectural Culture. Montreal and Cambridge: CCA / MIT Press 2000, p. 141-164.
"The Organizational Complex: Cybernetics, Space, Discourse". In: Assemblage No. 37 (Dec., 1998), p. 102-127.