Nr. 1/2 (2010)

Medienphilosophie

Inhalt

Editorial Lorenz Engell / Bernhard Siegert

Singing Prettily: Lena Horne in Hollywood Richard Dyer

Die politische Bedeutung der pornographischen Kehre Mario Perniola / Sarah Fiona Mclaren

Alphabetisierung. Kombinatorik und Kontingenz. Jean Pauls Leben Fibels, des Verfassers der Bienrodischen Fibel Bettine Menke

Menschliche Gestalt Georges Bataille

Kommentar Knut Ebeling

Übertragen als Transfiguration oder: wie ist die Kreativität von Medien erklärbar? Sybille Krämer

»Unter die Haut der Welt«. Philosophical Toys, Metatechnik und transanthropologischer Raum Frank Hartmann

Der schöpferische Austausch in digitalen Medien Pierre Lévy

Die künstliche Intelligenz des Sinns. Sinngeschichte und Technologie im Anschluss an Jean-Luc Nancy. Erich Hörl

Unter Aufsicht. Medium und Philosophie in Woody Allens Filmkomödie ANNIE HALL Lorenz Engell

Auf dem Weg zu einer Medienphilosophie anthropomedialer Räume Christiane Voss

Meta / Dia. Zwei unterschiedliche Zugänge zum Medialen Dieter Mersch

Abstracts

Lorenz Engell / Bernhard Siegert Editorial

Die prominent und polemisch geäusserte Ansicht, bei der Medienphilosophie handele es sich um eine vorübergehende Angelegenheit, ist vermutlich sehr zutreffend. Medienphilosophie selbst hat nie etwas anderes behauptet. Und genau aus diesem Grund, also eben wegen ihrer Vorläufigkeit, ist Medienphilosophie so wichtig.

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Richard Dyer Singing Prettily: Lena Horne in Hollywood

Lena Horne war die erste Afro-Amerikanerin, die bei einem großen Hollywood-Studio unter Vertrag genommen wurde – wenn dieses dann auch nichts mit ihr anzufangen wußte. Die ›Farbe‹ – in ihrer Stimme wie auch in ihrer äußeren Erscheinung – bedeutete, dass sie nicht in die Rassenhierarchie der Zeit passte; sie wurde daher weitgehend an den Rand gedrängt. Dennoch gelang es ihr, gemeinsam mit anderen Afro-Amerikanern in Hollywood, einen gewissen Eindruck von afro-amerikanischer Modernität im Hollywood-Kino zu hinterlassen. Dieser Aufsatz ist folglich eine Fallstudie von kultureller Produktion als Kampf.

Mario Perniola / Sarah Fiona Mclaren Die politische Bedeutung der pornographischen Kehre

Der Text sucht nach einer politischen Erklärung für die Kehrtwende, die der Westen ab den sechziger und mehr noch seit den siebziger Jahren in seiner Haltung gegenüber der Pornographie vollzogen hat. Erstaunlicher noch als die Freigabe der Pornographie selbst erscheint die massenhafte pornographische Selbstdarstellung auch von minderjährigen Jugendlichen seit der Jahrtausendwende. Neben den Gründen für diese im Kulturvergleich außergewöhnliche Permissivität geht es daher um die Rolle von technischen audiovisuellen und sozialen Medien in dieser Entwicklung.

Bettine Menke Alphabetisierung. Kombinatorik und Kontingenz. Jean Pauls Leben Fibels, des Verfassers der Bienrodischen Fibel

Jean Pauls Leben Fibels, des Verfassers der Bienrodischen Fibel setzt sich in ein spezifisches Verhältnis zur Alphabetisierung, dadurch dass er das Alphabet mit dem genannten Fibel-Text als Matrix des eigenen Produzierens kenntlich macht. Nicht nur verweist der Text derart sich selbst und alle seine Sinneffekte an die Arbitrarität seiner Elemente und deren Kombinatorik zurück, sondern er fingiert sich am Rande des Buches als der Kontingenz seiner vor-buchstäblichen Physis preisgegeben, die durch Sinn, Autorität, Autorschaft und Werkherrschaft verdrängt wird.

Sybille Krämer Übertragen als Transfiguration oder: wie ist die Kreativität von Medien erklärbar?

In welchem Verhältnis stehen Übertragung und Kreativität bei Medien? Die Hypothese des Aufsatzes ist, dass Übertragung als Transfiguration zu begreifen ist. Dies wird anhand des Mediums der Linie erörtert, die sowohl Abbild und Spur einer Geste, wie auch Entwurf und freie Gestaltung ist. Der Linie eignet ein Doppelleben: sie ist empirisches Vorkommnis und ›Gedankending‹; sie verwandelt eine Fläche in einen Experimentier- und Denkraum, in dem abstrakte Gegenstände anschaulich gemacht werden, sodass mit ihnen operiert werden kann. Die Transfiguration von Anschaulichem in Denkbares und umgekehrt ist die epistemische Grundfunktion der Linie.

Frank Hartmann »Unter die Haut der Welt«. Philosophical Toys, Metatechnik und transanthropologischer Raum

Der Aufsatz argumentiert mit dem Computer-Philosophen Max Bense, dass sich
die anthropologischen Bedingungen durch die Einführung einer Technologie, die den menschlichen Sinnen nur indirekt zugänglich ist, grundlegend ändern. Seiner Argumentationslinie von Organ-Projektion zu Kybernetik folgend, können Medien als Technologien verstanden werden, die einen transanthropologischen Bereich etablieren. Informationen als gegebenes Drittes zwischen Subjekt und Objekt und ermergierende algorithmische Artefakte stellen eine vielfältige Herausforderung für Medienphilosophie dar.

Pierre Lévy Der schöpferische Austausch in digitalen Medien

Die sozialen Medien des auf Zusammenarbeit basierenden Web lassen sich als Werkzeuge des persönlichen und sozialen Wissensmanagements verstehen. In diesem Rahmen bildet der schöpferische Austausch eine aktive Schnittstelle, welche die empirischen und lokalen Wissensbestände in explizites und global teilbares Wissen umwandelt. In einem weiteren Schritt erlaubt er es, das explizit gemachte Gedächtnis in persönliches, praktisch umsetzbares Wissen zu übertragen. Dieser Artikel entwirft die Perspektive eines neuen symbolischen Mediums, das es eigens zu entwerfen gilt, um die Leistungsfähigkeit des schöpferischen Online-Austauschs zu erhöhen.

Erich Hörl Die künstliche Intelligenz des Sinns. Sinngeschichte und Technologie im Anschluss an Jean-Luc Nancy.

Der Beitrag begreift Jean-Luc Nancys sinngeschichtlichen Entwurf und insbesondere sein Denken der Exteriorisierung als Ausdruck und Durcharbeitung der technologischen Bedingung, wie sie die kybernetische Maschinen- und Objektkultur charakterisiert. Die Begeisterung für das Offene und Außen, die einen breiten Strang der philosophischen Politik seit 1950 auszeichnet und bei Nancy kulminiert, wird auf den Boden der supplementären, prothetischen, transkategorialen Logik der technischen Welt gestellt.

Lorenz Engell Unter Aufsicht. Medium und Philosophie in Woody Allens Filmkomödie ANNIE HALL

Philosophie und Komödie sind Parallelunternehmungen der Selbstdistanzierung. Während aber die Philosophie die Distanznahme konsequent durchführt, wird sie von der Komödie zugleich paradoxiert und unterlaufen. Das verschafft der Komödie einen Reflexionsvorsprung besonders da, wo sie den aller Reflexion zugrunde liegenden materiellen Körper, ihr Medium nämlich, reflektiert. Dieser Vorgang wird hier anhand von Woody Allens Film Annie Hall beobachtet. Die Medien-Philosophie dieses Films wird so gegen eine Philosophen-Philosophie desselben Films kontrastierbar.

Christiane Voss Auf dem Weg zu einer Medienphilosophie anthropomedialer Räume

Der Aufsatz versteht sich als ein Plädoyer für eine irreduzibel relationalistische Herangehensweise an anthropomediale Relationen, in denen Mensch und Medium immer schon dynamisch verknüpft sind. Ausgehend von den Merkmalen der Mensch-Kino-Beziehung rückt der Modus der Affizierung in den Vordergrund, der sowohl die Existenzform wie Zugänglichkeit anthropomedialer Relationen regelt. Dass sich dies auch generell für Medien behaupten lässt, ist die Leitintuition dieses Aufsatzes. In Abgrenzung zur Affektvergessenheit der Medienwissenschaft und Philosophie, so lautet die zweite Leitintuition, wäre zudem mit der Erforschung der Verfahren und Logiken der affektiven Meta-Medialität ein eigenes Forschungsfeld der Medienphilosophie gewonnen.

Dieter Mersch Meta / Dia. Zwei unterschiedliche Zugänge zum Medialen

Der Medienbegriff wird medienphilosophisch seit Benjamin aus der »Übersetzung« oder »Übertragung« gefasst. Christoph Tholen hat demgegenüber die Metapher im literalen Sinne von meta-pherein ins Zentrum gerückt. Der Artikel argumentiert, dass darin das »Meta«, das »inmitten« oder »über … hinaus«, dem im Lateinischen das »Trans« entspricht, ungedacht bleibt. Dagegen wird das griechische »Dia« gestellt, das die Entwicklung eines performativen Begriffs der Medialen erlaubt, der sich an materiellen Praktiken des Übergangs orientiert.