Nr. 4/1 (2013)

Medienanthropologie

Inhalt

Editorial Lorenz Engell / Bernhard Siegert

Wenn die Worte fallen würden … Überlegungen zur Schrift im Film Michel Chion

›Denn da ist keine Stelle, die dich nicht sieht.‹ MINORITY REPORT und die Kunst als De/Legitimation Josef Früchtl

Die Emergenz von Wissen und das Plagiat in Goethes wissenschaftstheoretischen Schriften Anne-Kathrin Reulecke

Debatte: Transparenz Anita Möllering & Claus Leggewie

Grundlinien einer Philosophie der Technik [Kap. XIII: Der Staat] Ernst Kapp

Kommentar Harun Maye

The Boss of it all. Beobachtungen zur Anthropologie der Filmkomödie Lorenz Engell

Der dionysische Schalter. Zur generischen Anthropomedialität des Humors Christiane Voss

Mediale Anthropologie, Spiel und Anthropozentrismuskritik Astrid Deuber-Mankowsky

Animal Studies. Disziplinarität und Post-Humanität Cary Wolfe

Der Weltgeist in Texas. Kultur und Technik bei Ernst Kapp Leander Scholz

Medienanthropologie. Eine Menschenwissenschaft vom Menschen? Stefan Rieger

Abstracts

Lorenz Engell / Bernhard Siegert Editorial

Mit dem Thema der Medienanthropologie kehrt eine Fragestellung in den Fokus der ZMK zurück, diesmal als ausdrückliche, die von Anfang an zu den Schwerpunkten ihres wissenschaftlichen Programms gehört hat. In ihrer ersten Ausgabe bereits hat die ZMK sich damit befasst, die philosophische Leitfrage nach dem Menschen medientheoretisch und kulturtechnisch neu zu grundieren.

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Michel Chion Wenn die Worte fallen würden … Überlegungen zur Schrift im Film

Die Schrift ist im Film nicht nur durch Schriftobjekte (z.B. Briefe, Leuchtreklamen, Zeitungen) präsent, die der Diegese angehören. In Vor- und Abspann oder Zwischentitel hat sie vor allem im Stummfilm, aber auch in der Ära des Tonfilms ihren eigenen Raum. Von dort dringt sie bisweilen in den physikalischen Raum des Films ein, mitunter erscheint der Raum des Vorspanns etc. als ›wirklicher‹ Raum. Interessant sind jene Fälle, in denen Buchstaben und Wörter ihrerseits den Gesetzen des physikalischen Raums, Bewegung und Schwerkraft unterworfen zu sein scheinen. Dies führt zu Interferenzen und Paradoxien zwischen zwei inkompatiblen Logiken

Josef Früchtl ›Denn da ist keine Stelle, die dich nicht sieht.‹ MINORITY REPORT und die Kunst als De/Legitimation

Hegels Beobachtung von der Kunst als tausendäugigem Argus folgend lässt sich unter zeitgenössischen Bedingungen die These aufstellen, dass Kunst und Überwachungsstaat sich nicht zwingend gegenseitig ausschließen, sondern ineinander spiegeln. Der Film Minority Report bietet dazu als populäres Kunstwerk anschauliche Selbstreflexion. Die leitende Frage ist, ob und inwiefern dieser Film eine Legitimierung oder Delegitimierung der normativen Ordnung leistet.

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Anne-Kathrin Reulecke Die Emergenz von Wissen und das Plagiat in Goethes wissenschaftstheoretischen Schriften

In Johann Wolfgang von Goethes wissenschaftstheoretischen Texten Der Versuch als Vermittler von Objekt und Subjekt (1793) und Meteore des literarischen Himmels (1820) geht es um die grundlegende epistemologische Frage, wie Wissen entsteht: Sie fragen danach, wie Wissenschaftler aus den Beobachtungen der Naturphänomene allgemeingültige Erkenntnisse gewinnen können und inwieweit der einzelne Forscher von der wissenschaftlichen Gemeinschaft beeinflusst wird. Goethes Schriften werden hier als Alternativen zu den aktuellen Diskussionen um wissenschaftliche Plagiate − mit ihrer Neigung zur Personalisierung und zum Skandal – vorgestellt. Goethe zeigt, dass die enge Kopplung von Wissen an ein einziges Subjekt weniger der wissenschaftlichen Praxis entspricht, als vielmehr das Ergebnis einer spezifischen Zuschreibungspraxis ist. Das kritikwürdige Plagiat erscheint somit auch als eine logische Konsequenz des Prioritätsgebots der modernen Wissenschaftskultur.

Anita Möllering & Claus Leggewie Debatte: Transparenz

Die Forderung nach Transparenz gehört zu den zentralen Schlagworten der politischen Gegenwart. Während Anita Möllering die Transparenz-Forderung im Sinne der Piraten-Partei aber vor allem an die politischen Akteure adressiert und auf demokratische Verfahren bezieht, diskutiert Claus Leggewie insbesondere die Kehrseiten dieser basisdemokratischen Forderung. Zentraler Widerspruch ist aus dieser Perspektive die Fixierung der Piraten-Partei auf den gläsernen Staat, während sich die Benutzer sozialer Medien der Intransparenz ihrer privat-kommerziellen Betreiber kaum kritisch stellen.

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Lorenz Engell The Boss of it all. Beobachtungen zur Anthropologie der Filmkomödie

Lars v. Triers Film The Boss of it all entfaltet die wechselseitigen Konstitutionsverhältnisse zwischen Mensch und Medium und ordnet sich selbst in diese Verhältnisse ein. Die anthropoiden Funktionen, etwa Reflexivität und Selbstverfertigung, werden dabei erwartbar der Person des Autors und ihren metonymischen Figuren zugeschrieben, die instrumentellen, allopoietischen medialen Funktionen dagegen dem Genre der Filmkomödie. Diese Zuschreibung scheitert jedoch. Beide Funktionstypen überlagern einander vielmehr, so dass sie in ein Übertragungsverhältnis treten können und nunmehr das Medium als reflexiv, der Mensch dagegen als Instrument und Effekt erscheint. Indem Mensch und Medium jedoch ihre jeweilig zugeschriebenen Funktionen dennoch behaupten, treiben sie einander unausgesetzt hervor.

Christiane Voss Der dionysische Schalter. Zur generischen Anthropomedialität des Humors

Humor wird gemeinhin nicht eigens theoretisiert, sondern umstandslos mit dem Komischen und dem Lachen identifiziert. In diesem Aufsatz geht es darum, die Eigenlogik von humoresken Operationen vor dem Hintergrund von Freuds Auslassungen zum Humor herauszuarbeiten und für eine mediale Anthropologie produktiv zu machen. Im Unterschied zu herkömmlichen Anthropologien interessiert sich eine mediale Anthropologie für die ontologisierenden und wirklichkeitskonstituierenden Effekte technisch zu fassender Operationen. Humoreske Operationen sind entsprechend als Techniken der dionysischen Verschaltung von Lust- und Realitätsprinzip neu zu beleuchten.

Astrid Deuber-Mankowsky Mediale Anthropologie, Spiel und Anthropozentrismuskritik

Die Wissenschaften vom Menschen tragen, wie Foucault überzeugend argumentierte, nicht nur die Gefahr der Anthropologisierung, sondern, gerade aufgrund ihrer epistemischen Instabilität und Hybridität auch das Potential zu deren Kritik in sich. Diese Kritik ist in der gegenwärtigen – im Zeichen der Lebens- und Neurowissenschaften stattfindenden – Hinwendung zum Menschen als lebendes, empfindendes und affektives Wesen in neuer Weise aktuell. Sie bildet den Ausgangspunkt der hier vorgestellten medialen Anthropologie und deren Fokussierung auf das Medium des Spiels.

Cary Wolfe Animal Studies. Disziplinarität und Post-Humanität

Der Text von Cary Wolfe ist eine gekürzte Übersetzung des Kapitels »Animal Studies«, Disciplinarity, and the (Post)Humanities aus der Monographie What is Posthumanism? (Minnesota 2009). Wolfe diskutiert die Beziehung zwischen (Trans-)Disziplinarität und Posthumanismus im Rückgriff auf Konzepte von Derrida, Foucault und Luhmann, die eine Form von gesellschaftlicher Kommunikation zu denken erlauben, an der menschliche Subjekte zwar noch teilhaben, aber deren souveräne Urheber sie nicht mehr sind.

Leander Scholz Der Weltgeist in Texas. Kultur und Technik bei Ernst Kapp

Zwar gilt Ernst Kapp unbestritten als Begründer der Technikphilosophie, allerdings wird sein Konzept der Organprojektion meist lediglich im Hinblick auf die spätere Prothesentheorie rezipiert. Unter dieser anthropologischen Perspektive ist die epistemologische Dimension seines Ansatzes weitestgehend in Vergessenheit geraten, die darin besteht, Technik nicht allein von ihrer Anwendung her zu begreifen, sondern als eine theoretische Praxis zu verstehen. In diesem Sinne konzentriert sich der Aufsatz auf die Rekonstruktion der philosophischen Prämissen des technikphilosophischen Ansatzes bei Ernst Kapp und versucht diesen als eine Modernisierung der aristotelischen Naturphilosophie zu begreifen.

Stefan Rieger Medienanthropologie. Eine Menschenwissenschaft vom Menschen?

Der Text gilt den Aporien der Medienanthropologie. Neben den Debatten um das mediale Apriori, wie sie vor allen die Arbeiten Friedrich Kittlers ausgelöst haben, geraten dabei zwei Dinge in den Blick. Zum einen die Möglichkeit, die Rede von der technischen Datenverarbeitung nicht nur metaphorisch, sondern der Sache nach auf die Verarbeitungsprozesse des Menschen zu übertragen und so quantifizierbare Kriterien für dessen Leistungsfähigkeit abzuleiten. Zum anderen wird in der Abwendung von einer spezifisch deutschen Medienwissenschaft gerade in der aktuellen internationalen Diskussion ein Medienbegriff etabliert, der in seiner pluralen Ausrichtung Bezugnahmen etwa auch zur Biologie erlaubt (BioMedia).