Nr. 6/2 (2015)

Sendung

Phänomen und Begriff der Sendung haben eine enorme medienwissenschaftliche Relevanz. Als medienwissenschaftliches Konzept besitzt die Sendung das Potential zur Entfaltung komplexer Grundannahmen der Medientheorie und zugleich zu ihrer reduzierenden Bündelung und Einfassung. Sie verbindet und durchkreuzt ganz grundsätzlich das begrifflich sorgsam Getrennte, zum Beispiel das Heilige und das Profane, das Materielle und das Immaterielle, das Aktive und das Passive. Sie ist darin ein genuin medienwissenschaftlicher Leitbegriff, an dem sich die gesamte Breite dessen, was Medium sein kann, entfalten lässt, von der Religion bis zum Massenmedium, von der Politik bis zum Postboten, von der Infrastruktur bis zur Entrückung. Sie erzeugt zudem in all ihrer Materialität mannigfaltige paradoxe und reflexive Verläufe. Angesichts dieser fruchtbaren medienwissenschaftlichen Ideallage der Sendung ist es wirklich erstaunlich, wie wenig einschlägige Aufmerksamkeit ihr bislang zuteilwurde. Sieht man einmal von bemerkenswerten Einzelfällen ab, wie etwa Dieter Daniels’ Buch über »Kunst als Sendung«, so wurde die Sendung noch fast ausnahmslos indirekt im Rahmen der Betrachtung bestimmter Einzelformate von Versandstücken wie der Postkarte, dem Brief oder auch der Fernsehsendung beschrieben und theoretisiert. Während der Sendung aufs engste benachbarte Konzepte wie zum Beispiel die Botschaft oder die Nachricht in der Kommunikationstheorie enorme begriffliche Prominenz erlangten, blieb die Sendung nahezu unterbestimmt. Einzig und frappierend ist es das Konzept des Senders, das sich bis heute stark behauptet hat, technisch wie theoretisch, während die Sendung nahezu stumm geblieben ist. Die neue Ausgabe der ZMK möchte das ändern und der Sendung eine Stimme verleihen. Die exemplarischen Beiträge behandeln Sendungen und auch das Sendungsbewusstsein der klassischen Literatur, des Fernsehens sowie von Postkarten und Google.

Inhalt

Editorial Lorenz Engell, Bernhard Siegert

Das mediale Monopol des Staates und seine Verteidigungslinien Jens Schröter

Framing and Conserving Byzantine Art at the Menil Collection: Experiences of Relative Identity Glenn Peers

Das Einhüllen und Fesseln des Körpers in den indoeuropä­ischen Kulturen. Zu einigen Metaphern des magischen Schutzes vor Toten und Wiedergeborenen Carmen Alfaro Giner

Debatte: Debattenkultur Christian Demand und Ekkehard Knörer

»Schicksal, also ein von einer höhern Macht Gesendetes, das wir empfangen sollen«. Über Sendungen und Sendungsbewusstsein Jochen Hörisch

Gott und Google John Durham Peters

Wozu senden? Sende­visionen im Ersten und Dritten Fernseh­zeitalter Daniela Wentz

The Second Screen: Convergence as Crisis Markus Stauff

Sendungsbewusstsein im Zeitalter der Kurzkommunikation. Die Postkarte Anett Holzheid

Google Control. Ein Gespräch mit Barbara Cassin Barbara Cassin

Abstracts

Lorenz Engell, Bernhard Siegert Editorial

Auch die Zeitschrift für Medien- und Kulturforschung erreicht ihre Leserinnen und Leser als Sendung, als Postgut auf dem Wege der Zustellung nämlich. Wer immer sie liest, hat also mit der Sendung zu tun. Allein das schon ist ein Grund, sich mit der Sendung zu befassen.

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Jens Schröter Das mediale Monopol des Staates und seine Verteidigungslinien

Auch in freiheitlichen Demokratien gibt es mediale Formen und Verfahren, die staatlich monopolisiert sind. Dies sind die Verfahren zur Sicherung und Stabilisierung der Echt- heit von Geld und staatlichen Dokumenten, also den zentralen Medien von Ökonomie und Staat. Im Sinne einer noch zu schrei- benden Mediengeschichte des Staates stellt der Aufsatz diese Formen und Verfahren der Echtheitssicherung dar und zeigt auf, wie immer wieder auf neue technologische Bedrohungen des medialen Monopols des Staates reagiert werden musste.

Glenn Peers Framing and Conserving Byzantine Art at the Menil Collection: Experiences of Relative Identity

Die Erhaltung und Ausstellung von historischen Kunstwerken geht viele Risiken in Bezug auf die Darstellung des Lebens und der Bedeutungen von Objekten ein. Dieser Beitrag untersucht die Identitäten einiger besonders fesselnder Beispiele byzantinischer Kunst, die in der Menil Collection in Houston, Texas unter besonderen Umständen restauriert wurden. Eine Untersuchung der Wiederherstellung der Fresken und Ikonen sowie ihrer jeweiligen Ausstellungsgeschichten offenbart die Kontingenzen unserer Begegnungen mit und Erklärungen von historischer Kunst.

Carmen Alfaro Giner Das Einhüllen und Fesseln des Körpers in den indoeuropä­ischen Kulturen. Zu einigen Metaphern des magischen Schutzes vor Toten und Wiedergeborenen

Fäden, Seile und Textilien sind Elemente des Alltagslebens, die bereits früh in der Menschheitsgeschichte einen hohen technischen Entwicklungsstand erreicht haben. Das Spinnen des Fadens, eine der ältesten Formen des Wissens, scheint wie der Ursprung jeder Form der Technik untrennbar mit einer besonderen Mythologie verbunden zu sein. So müssen sich auch Fäden, Knoten und Gewebe, neben ihrer praktischen Anwendung, rasch mit symbolischen Bedeutungen aufgeladen haben. In diesem Beitrag sollen die Symboliken des Fadens, des Knotens und des Gewebes als Metaphern analysiert werden, die bisweilen mit dem Leben, bisweilen mit dem Tod in Verbindung stehen.

Christian Demand und Ekkehard Knörer Debatte: Debattenkultur

Eine Debatte ist ein öffentliches Streitgespräch, das gewissen Regeln folgt. Das Ziel einer Debatte ist nicht die Lösung eines Problems, wie in einer Diskussion, sondern Positionen zu markieren. In einer Debatte zählen nicht nur Argumente, sondern auch Polemik und der Mut zur These. Eine produktive Debatte bedarf neben von allen Teilnehmern akzeptierten Regeln auch einer sog. Debattenkultur. Christian Demand und Ekkehard Knörer führen eine Debatte zur Etablierung dieses Begriffs in den 1980er Jahren und entwickeln Thesen zu deren angeblichen Verschwinden durch die Beschleunigung von Debatten unter den Bedingungen der »Neuen Medien«.

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Jochen Hörisch »Schicksal, also ein von einer höhern Macht Gesendetes, das wir empfangen sollen«. Über Sendungen und Sendungsbewusstsein

In dem Maße, in dem sich seit dem europäischen achtzehnten Jahrhundert die Post-Sende-Verhältnisse dramatisch verbessern, verblasst die Überzeugungskraft des religiösen Sendungsbewusstseins. Verwunderlich ist das nicht. Von einem göttlichen Anruf, einem Kerygma erreicht zu werden, soll, ja muss eine exquisite Ausnahme von den Regelmäßigkeiten des Alltagslebens sein. Viele sind berufen, aber nur wenige sind auserwählt (Matthäus 22,14). In nur einigermaßen aufgeklärten Zeiten ist die Frage nach der Verlässlichkeit der himmlischen Post- und Sendeverhältnisse nicht zu unterdrücken. Jeder kann jedem (zunehmend ohne Angst um Leib und Leben) bestreiten, der rechte Adressat göttlicher Sendungen zu sein. Intersubjektiv verbindliche Sendeverhältnisse zwischen Himmel und Erde gibt es nicht; diese höhere Trivialität wird seit 1750 aussagbar und aufschreibbar. Komplementär dazu steigt – trotz enormer Komplexitätsgewinne – die Kontrollierbarkeit irdischer Sendeverhältnisse.

John Durham Peters Gott und Google

Sowohl die Struktur des Google-Suchalgorithmus als auch die Rhetorik rund um das Unternehmen machen den Anspruch Googles deutlich, den klassischen theologischen Status der Allwissenheit zu erreichen. Wenn man versteht, wie Google Online-Recherchen durchführt, erkennt man, dass dieses charakteristischste aller digitalen Medienunternehmen in einer langen Tradition religiöser Medien steht, die in Anspruch nehmen, auf eine ontologische Weise zu operieren.

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Daniela Wentz Wozu senden? Sende­visionen im Ersten und Dritten Fernseh­zeitalter

Unter den Institutionen des Sendens stellt das Fernsehen mit Sicherheit die über lange Jahrzehnte erfolgreichste dar. Gleichwohl wird angesichts der mit der Digitalisierung einhergehenden, das Senden und die Sendungen weitreichend betreffenden Veränderungen, die das Medium unterläuft, vielerorts und nicht völlig grundlos die Post-Broadcast-Ära ausgerufen. Anhand der Lektüre verschiedener Serien werden diese Veränderungen hier nachvollzogen und untersucht. Das Sendungsformat der Serie erscheint für ein solches Unterfangen besonders geeignet, weil das Senden des Fernsehens zutiefst mit der Serialität und dem Seriellen als Prinzip verknüpft scheint. An den Formen und Veränderungen des Seriellen lassen sich auch die Veränderungen des Fernsehsendens ablesen.

Markus Stauff The Second Screen: Convergence as Crisis

Dieser Artikel nimmt den ›zweiten Bildschirm‹ – TV-bezogene Nutzung von Smart- phones und Tablets – zum Ausgangspunkt, um die immer heterogeneren Verbindungen zwischen mehreren Geräten, Texten und Plattformen zu diskutieren, von denen die zeitgenössische Kultur geformt wird. Sie bilden instabile Assemblagen, die die spezifischen affordances (Aufforderungscharaktere) ihrer Elemente gleichzeitig hervorheben und untergraben. Indem der Fokus zunächst auf technische und industrielle, sodann auf praktische und heimische Verfahren der Herstellung von Verbindungen gelegt wird, wird die aktuelle Medienlandschaft als »Konvergenz in der Krise« beschrieben: Während Medien in der Tat immer mehr miteinander verbunden werden, bleiben die Verbindungen selbst und die Form der Montage in ihrer Gänze flüchtig, instabil und vage. Konvergenz entsteht und besteht als In-der-Krise-sein.

Anett Holzheid Sendungsbewusstsein im Zeitalter der Kurzkommunikation. Die Postkarte

Als eine Neuerung der industriellen und postalischen Moderne des ausgehenden 19. Jahrhunderts steht die Postkarte in medienkultureller Differenz zum Brief. Ist für jenen der paradigmatische Akt verbaler Intensität und Extension (des »Schreibens« oder »Verfassens«) konstitutiv, repräsentiert die Postkarte ein gegenläufiges Modell der Reduktion und Substitution der Schrift. Die Postkarte symbolisiert das pointierte Signal, dessen Wert aus der Könnerschaft des Sendens bezogen wird. Aufzuzeigen, in welcher Weise das Kurzkommunikationsmedium maßgeblich an der Herausbildung einer modernen Kultur der Sendung beteiligt war, ist Ziel des Beitrags.

Barbara Cassin Google Control. Ein Gespräch mit Barbara Cassin

Google ist nicht nur ein weltumspannender Konzern, der wie kein zweiter für die Macht einer Suchmaschine im Besonderen und des Internets im Allgemeinen einsteht. Barbara Cassin analysiert in diesem Gespräch aus dem Jahr 2009 die Rhetorik und das Sendungsbewusstsein von Google, das darin besteht, »die gesamte Information der Welt zu organisieren«. Dieser von Cassin als global, gewalttätig und total charakterisierte Anspruch beeinflusst auch zeitgenössische Vorstellungen von Demokratie, Kultur und Wissenschaft. Dass dieser Einfluss nicht nur positive Effekte hat, wird im Verlauf des Gesprächs deutlich.