Nr. 7/2 (2016)

Medien der Natur

Der Schwerpunkt der vorliegenden Ausgabe der ZMK – Medien der Natur – scheint den Medienbegriff aus den Grenzen herauslösen zu wollen, die seine konventionelle Semantik ihm auferlegt hat: aus den Grenzen der Kultur und der Geschichte bzw. der Kulturgeschichte. Bisher galt als es als sicher, dass Medien technische Apparaturen und Installationen sind – und das heißt von Menschen geschaffene Artefakte, Zeugnisse der menschlichen Kultur. Diese Sicherheit ist mittlerweile brüchig geworden. Betrachtet man die gegenwärtig vielerorts geführte Diskussion über elementare Medien, pervasive computing, environmental media oder media environments, dann lassen sich in Bezug auf die Frage, ob es Medien außerhalb der anthropogenen Kulturgeschichte gibt, grob zwei Positionen unterscheiden. Beide bejahen die Frage, aber in sehr verschiedenem Sinne. Die eine geht davon aus, dass Medien im Verlauf der Kulturgeschichte der Menschheit emergiert sind, aber seit dem Ende des zwanzigsten Jahrhunderts anfangen, sich mehr und mehr in die Natur einzubetten, die Natur zu durchdringen und diese zu augmentieren. Dabei geht es nicht nur um RFID-Chips, die inzwischen derart miniaturisiert sind, dass sie nicht nur Walen und Zugvögeln, sondern auch Bienen implantiert werden können. Es geht auch nicht nur um die Frage, wann die solcherart technisch aufgerüstete Tierwelt in der Lage sein wird, die Ortungssignale für die eigene intra- oder interspezielle Kommunikation zu nutzen. Es geht vielmehr darum, dass es zunehmend unmöglich wird, Medienumgebungen von natürlichen Umgebungen zu unterscheiden. Tatsachen wie Erderwärmung und Klimawandel, Objekte wie die Ozonschicht oder Prozesse wie der Stickstoffkreislauf sind nicht länger unabhängig von Computersimulationen oder dem Internet beschreibbar. Die Vertreter dieser Position, die meist auch die Anthropozän-These vertreten, sprechen daher auch von einer Natur zweiter Ordnung oder einer Natur nach der Natur. Die andere, radikalere Position geht davon aus, dass Phänomene wie ubiquitous computing uns bloß daran erinnern, dass auch eine als vom Menschen unabhängig imaginierte, ursprünglich gesetzte Natur über Medien nicht nur verfügen müsste, sondern sich nur über Medien überhaupt steuern, regeln, reproduzieren und variieren könnte, kurz: nur durch Medien überhaupt Natur wäre. Ein in seiner Definition über die Kommunikation von Bedeutungen hinausgehender Medienbegriff müsste die Medien der Kultur dann nicht in Abgrenzung von den Medien der Natur, sondern jene in Anlehnung an diese als Umwelten betrachten, die ermöglichen, was wir sind und was wir tun. Medien sind aus dieser Perspektive materielle Möglichkeitsräume und als solche Synthesen aus Natur und Technik.

Inhalt

Editorial Lorenz Engell, Bernhard Siegert

Portrait of Absence: The Aisthetic Mediality of Empty Chairs Tomáš Jirsa

About Stain(s) Barbara Baert

Die Kraft der Zeitutopie im 19. Jahrhundert. Literarische Medien- und Technikzukünfte bei Edward Bellamy, Kurd Laßwitz und Jules Verne Andreas Ziemann

Debatte: Nicht-Menschenrechte Malte-Christian Gruber und Christoph Menke

Domestizierung im Vergleich Erhard Schüttpelz

Das Internet der Tiere: Natur 4.0 und die conditio humana Alexander Pschera

»Eintauchen!« Ozeanium versus Vision NEMO Roland Borgards

Der unsichtbare Faden. Zu Materialität und Infrastrukturen digitaler Tierbeobachtung Hannes Rickli

Es schleimt, es lebt, es denkt – eine Rheologie des Medialen Gabriele Gramelsberger

Sarcodeströmungen und »Natürliche Zuchtwahl«. Zu den Möglichkeiten und Modellierungen von Ökologie bei Ernst Haeckel Maren Mayer-Schwieger

Tatsachen statt Fossilien – Neuer versus Spekulativer Realismus Markus Gabriel

Karl August Möbius und die Politik der Lebensgemeinschaft Leander Scholz

Abstracts

Lorenz Engell, Bernhard Siegert Editorial

Das Editorial der vorliegenden Ausgabe verfasst von Lorenz Engell und Bernhard Siegert.

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Tomáš Jirsa Portrait of Absence: The Aisthetic Mediality of Empty Chairs

Der Beitrag behandelt die Medialität leerer Stühle in den Werken von Vincent van Gogh, Richard Weiner, Egon Schiele, Joseph Kosuth und Eugène Ionesco. Leere Stühle werden als ästhetisch-affektive Figuren untersucht, die historische Perioden und kulturelle Grenzen durch- und überschreiten; dabei präsentieren sie ein spezifisches Porträt von Abwesenheit, das das Subjet trotz seiner physischen Nicht- Gegenwart intensiviert. Die Argumentation gründet in dem dialektischen Prozess von Erscheinen und Verschwinden, Posthermeneutik und der Theorie des Supplements

Barbara Baert About Stain(s)

Der Fleck behauptet seine Autonomie als farbiger Punkt oder Fläche, die sich vom Hintergrund abheben. Er existiert in und durch sich selbst. Der Fleck sagt uns, was es heißt, das Medium der Sichtbarkeit zu sein. Daher ist jeder Fleck ein Metabild, ein besonderes Bild, das etwas über das Bild als Phänomen aussagt. Diese Eigenschaften machen den Fleck zu einem Paradigma des visuellen Mediums per se. In diesem Essay werde ich fünf Faktoren vorstellen, die zu diesem einflussreichen Modell geführt haben: Der Fleck als Prototyp, Veronikas Fleck, das psycho-energetische Symptom, die Tarnung Echos und schließlich der Fleck als le désir mimétique.

Andreas Ziemann Die Kraft der Zeitutopie im 19. Jahrhundert. Literarische Medien- und Technikzukünfte bei Edward Bellamy, Kurd Laßwitz und Jules Verne

Der Aufsatz fokussiert die literarische Gattung von Utopie und Science Fiction als empirisches und historisches Material und untersucht an ausgewählten Texten des 19. Jahrhunderts, über welche zukünftigen Medien, Medienpraktiken und menschlichen Lebensformen dort geschrieben und (antizipativ) reflektiert wird. Zeitutopien, so die forschungsleitende These, fungieren als Modell und Entstehungsherd innovativer (Medien-) Techniken und besitzen eine spezifische Gestaltungskraft neuer Lebenswelten.

Malte-Christian Gruber und Christoph Menke Debatte: Nicht-Menschenrechte

Das Rechtssystem geht davon aus, dass der Mensch – und nur der Mensch – eine natürliche Person ist. Das sei ein Irrtum, argumentiert Malte-Christian Gruber, denn die Rechtssubjektivität wird keineswegs alleine mit dem bloßen Menschsein begründet. Es ist die sittliche Autonomie, die den Menschen zu einem »Subjekt, dessen Handlungen einer Zurechnung fähig sind« (Kant) und mithin zur Person macht. Personen werden nicht mit dem Menschsein als solchem identifiziert, sondern durch die Zuschreibung von Handlungs- und Rechtsträgerschaft. Eine solche funktionale Vorstellung von Rechtssubjektivität ist prinzipiell auch dazu imstande, neben Menschen noch weitere autonome Agenten als Träger von Rechten und Pflichten einzusetzen, z.B. technische Artefakte und andere nicht-menschliche Agenten. Christoph Menke macht dagegen darauf aufmerksam, dass die Erfindung neuer Rechte das eigentliche Bewegungsgesetz der politischen Emanzipation in der Moderne war. Das begann mit den bürgerlichen Revolutionen und ist immer noch das generelle Modell, mit dem Politik und Theorie operieren, die neue Rechte für nicht-menschliche Lebewesen und Artefakte einfordern. So wie im 19. und 20. Jahrhundert die rechtliche Emanzipation zunächst über die Grenzen bürgerlicher Subjektivität hinausgeführt hat und soziale und kulturelle Rechte erfand, so sollen wir nun den weiteren, konsequenten Schritt tun und auch noch die Bindung der juridischen Anerkennung an die Kategorie menschlicher Subjektivität aufbrechen. Auch Bio- und Artefakte sollen als eigenständige Rechtssubjekte rekonstruiert werden. Es fehlt ihnen allerdings etwas, das in den emanzipatorischen Kämpfen der Vergangenheit schlechthin grundlegend war: Ein Träger von Rechten zu sein, hieß, ein Fordernder von Rechten, ja, ein Kämpfer für Rechte gewesen zu sein. Man konnte keine rechtliche Person als Träger von Rechten sein, ohne ein politisches Subjekt als Kämpfer und Denker von Rechten gewesen zu sein. Wenn die Bindung der rechtlichen Personalität an die menschliche Subjektivität aufgelöst wird, damit es Bio- und Artefakt-Rechte geben kann, löst sich zugleich auch diese Einheit von rechtlicher Personalität und politischer Subjektivität auf, die die moderne Idee der Rechte definiert hatte.

Erhard Schüttpelz Domestizierung im Vergleich

Domestizierung lässt sich durch einen Nukleus aus drei technischen Tätigkeiten definieren: durch die gesteuerte Reproduktion, die eigens eingerichtete Ernährung und den Schutz von Tieren und Pflanzen vor Schädigungen. Wenn man diese Definition an einen Vergleich von Kulturen und Kollektiven anlegt, stellen sich zwei Überraschungen ein: Außerhalb jeder Domestizierung entwickeln Wildbeuter eine rituelle Domestizierung oder ein mythologisches Verständnis, ihre Welt sei bereits domestiziert. Und in der Moderne tritt an die Seite der technischen Domestizierung ihre mögliche Naturalisierung. Der Aufsatz zieht einige Konsequenzen aus diesem typologischen Vergleich.

Alexander Pschera Das Internet der Tiere: Natur 4.0 und die conditio humana

Neben der Industrie hat die Digitalisierung auch die Natur ergriffen. Die Tatsache, dass Tausende von Tieren mit GPS-Sendern ausgerüstet und überwacht werden, erlaubt, analog zur Industrie 4.0 auch von einer Natur 4.0 zu sprechen. Dieses Internet der Tiere verändert den Begriff, den der Mensch von der Natur hat. Er transformiert die Wahrnehmung vor allem der Natur als etwas fundamental Anderen. Neben den vielen kulturellen Problematisierungen, die das Internet der Tiere mit sich bringt, lassen sich aber auch die Umrisse einer neuen, ganz und gar nicht esoterischen planetarisch-post-digitalen Kultur aufzeigen, die die conditio humana verändert

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Roland Borgards »Eintauchen!« Ozeanium versus Vision NEMO

Das Ozeanium und die Vision NEMO sind zwei entgegengesetzte Vorschläge, wie sich das Meer und die Meerestiere in einem Zoo präsentieren lassen. Das Ozeanium arbeitet mit konventionellen Großaquarien, in denen echte Fische schwimmen, die Vision NEMO mit neuesten Übertragungs- und Projektionstechniken, die bewegte Fischbilder zeigen. Medien spielen in beiden Projekten eine wichtige, zunächst sehr unterschiedliche Rolle. Eines aber haben beide Projekte gemeinsam: sie gehen davon aus, dass die Medien eine exklusiv menschliche Angelegenheit sind. Mediale Prozesse im Meerestierreich kommen so nicht in den Blick.

Hannes Rickli Der unsichtbare Faden. Zu Materialität und Infrastrukturen digitaler Tierbeobachtung

Tierbeobachtung in den Lebenswissenschaften ist medienbasiert und agiert in Abhängigkeit von Infrastrukturen, die normalerweise nicht sichtbar sind oder nicht beachtet werden. Anhand von Laborbeispielen in Zürich, Austin/Texas und auf Helgoland werden Konfigurationsverhältnisse menschlicher und nicht-menschlicher Akteure aus ästhetischer Perspektive untersucht. Im Fokus stehen die materiellen Kontexte, in die digitale Datenarbeit verwickelt ist, sowie die Frage, wie diese künstlerisch in einer ›verwissenschaftlichen‹ Gesellschaft erfahrbar gemacht und verhandelt werden können.

Gabriele Gramelsberger Es schleimt, es lebt, es denkt – eine Rheologie des Medialen

Viel ist über Medien geschrieben worden, und doch ist dem Medium aller Medien bislang keinerlei Abhandlung gewidmet. Die Rede ist vom Schleim. Nicht irgendein Schleim, sondern der Urschleim jeglichen Lebens, dem Rätsel der Wissenschaft, das bis heute als ungelöst gilt. Und noch ein Rätsel gilt es zu lösen, nämlich von der eigenartigen Koalition von Schleim und technischen Medien. Schleim, so die Wissenschaft, ist nicht nur Beginn der Menschwerdung sondern auch die Zukunft der Technologie.

Maren Mayer-Schwieger Sarcodeströmungen und »Natürliche Zuchtwahl«. Zu den Möglichkeiten und Modellierungen von Ökologie bei Ernst Haeckel

Ökologie ist in den Medien- und Kulturwissenschaften derzeit von hoher begrifflicher Konjunktur. Damit stellt sich die Frage nach dem Gebrauch, dem Potential und der historischen wie medialen Verfasstheit verschiedener Konzepte von Ökologie und deren jeweilige Fassung von Natur, Organismus und Relationalität. Eine Analyse von Ernst Haeckels Genereller Morphologie und seiner Sarcode-Versuche arbeitet verschiedene Modellierungen von (Inter-)Relationalität, insbesondere Organismus-Außenwelt-Beziehungen in der Ökologie heraus.

Markus Gabriel Tatsachen statt Fossilien – Neuer versus Spekulativer Realismus

Der Spekulative Realismus nimmt seinen Ausgang von einer Kritik des Korrelationismus. Sein theoretischer Vorteil soll darin bestehen, das Anzestrale, also dasjenige, das es gab, ehe es überhaupt als Seiendes konstatiert werden konnte, besser denken zu können. Gegen diesen Ansatz wird zunächst gezeigt, dass er gerade nicht imstande ist, die Existenz von Fossilien als metaphysischen Beleg anzuführen. Anschließend wird eine neo-realistische Tatsachenontologie als überlegene Alternative eingeführt und auf ihren Naturbegriff hin befragt.

Leander Scholz Karl August Möbius und die Politik der Lebensgemeinschaft

Der Aufsatz rekonstruiert die historische Genese der politischen Ökologie im 19. Jahrhundert am Beispiel des Zoologen Karl August Möbius. Als entscheidendes Paradigma der Vorgeschichte wird die Bevölkerungsdebatte um 1800 herausgearbeitet. Vor diesem Hintergrund entsteht die politisch-ökologische Perspektive durch die Übertragung klassischer Prinzipien der Ökonomie auf Tiergemeinschaften und von dort wieder zurück auf eine zoologisch verstandene Menschenwelt.