Nr. 8/1 (2017)

Inkarnieren

Der Themenschwerpunkt des vorliegenden Heftes der Zeitschrift für Medien- und Kulturforschung wird bestritten von Autoren, die der DFG-Forschergruppe »Medien und Mimesis« angehören, die an der Bauhaus-Universität Weimar angesiedelt, aber zusätzlich über die Universitäten Basel, Bielefeld, Bochum, München und Zürich verteilt ist. Die Forschergruppe untersucht Mimesis als Kulturtechnik vor dem Hintergrund aktueller Entwicklungen in der Medienforschung, die Praktiken und Operationsketten als vorgängig gegenüber den aus ihnen hervorgehenden Subjekt-Objekt-Dichotomien bzw. Subjekt-Werkzeug-Artefakt-Kausalitäten ansehen. ›Inkarnieren‹ ist eine spezifische Form der exzessiven Mimesis, die ausgehend von einer kultischen oder magischen Praxis ihren eigenen Weg in die Neuzeit genommen hat, der von einer speziellen Stigmatisierung als mindere Mimesis geprägt war. Mit dem Themenschwerpunkt ›Inkarnieren‹ wird das Augenmerk also auf eine besondere Form der Mimesis gelenkt, die durch ihre Nichtmodernität hervorsticht. Inkarnation ist ein Konzept, das seit der Zeit Luthers, Zwinglis und Calvins all jenen Vorstellungen und Denkansätzen, die das Subjekt auf reines Bewusstsein reduzieren wollten, in zunehmendem Maße als ›primitiv‹, ›archaisch‹ oder ›mythisch‹ erschien. In der Geschichte der Mimesis ist seit der Neuzeit eine Tendenz herrschend gewesen, die den Logos inkorporierende, materialisierende bzw. – im christlich-religiösen Diskurs – marienverehrende Kräfte zurückwies, die man mit dem Begriff der ›Dekarnation‹ bezeichnen könnte. A fortiori nach dem sogenannten linguistic turn wurde die Vorstellung einer Verkörperung geistiger Phänomene mit einem epistemologischen Tabu umgeben. Die im Themenschwerpunktteil dieser Ausgabe versammelten Beiträge lassen erkennen, in welch vielfältigen Formen ›Inkarnieren‹ eine Operation und Kulturtechnik der Moderne ist.

Inhalt

Editorial Lorenz Engell, Bernhard Siegert

Mut zurzeit Frank Ruda

Das Projektionsplanetarium als hyperreales Environment
Hans-Christian von Herrmann

Zur Epistemologie gegenwärtiger Zeigeregime: Louvre Lens und der Apple Store am Union Square in San Francisco Karen van den Berg

On Some Specific Traits of Russian Culture. Changes and Continuities Between the Pre-Soviet, the Soviet, and the Post-Soviet Phase Vittorio Hösle

Praktiken des Inkarnierens: Nachstellen, Verkörpern, Einverleiben Maria Muhle

Imagination, Kombination, Defiguration. Monstropoetiken des 18. Jahrhunderts Stephan Gregory

Mit Puppen Spielen. Gefährliche Mimesis Helga Lutz

Verkörpern, Verwandeln und Autorisieren mittels Spolien Hans-Rudolf Meier

Mimetische Inkorporierung am Beispiel taxidermischer Weltprojektionen
Christiane Voss

Abstracts

Lorenz Engell, Bernhard Siegert Editorial

Das von den Herausgebern verfasste Editorial zur vorliegenden Ausgabe der ZMK 8/1 (2017)

Download

Frank Ruda Mut zurzeit

Der Beitrag verhandelt den Begriff des Muts und beginnt diese Verhandlung ausgehend von der Frage, wie eine Kategorie, die die Geschichte der Philosophie zu durchziehen scheint, gegenwärtig an Relevanz und Einfluss verlieren kann. Er identifiziert den Grund dafür in der aristotelischen Bestimmung des Muts als männlich-militärischer Tugend und setzt dieser Bestimmung in der Folge eine Neubestimmung entgegen, die zu denken versucht, was weiblicher Mut sein kann.

Download

Hans-Christian von Herrmann Das Projektionsplanetarium als hyperreales Environment

In den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg wurde im Jenaer Zeiss-Werk im Auftrag des Deutschen Museums in München das Projektionsplanetarium als immersives Modell des Universums entwickelt. In ihm hallte eine lange Geschichte von Himmelsgloben, Armillarsphären, Astrolabien und mechanischen Planetarien nach, die seit der Antike als astronomische Demonstrationsobjekte gedient hatten. Erstmals aber fand sich diese Aufgabe nun mit einer Simulation des raum-zeitlichen In-der-Welt-Seins des Menschen verbunden.

Karen van den Berg Zur Epistemologie gegenwärtiger Zeigeregime: Louvre Lens und der Apple Store am Union Square in San Francisco

Wie kommt es, dass sich der Flagship-Store eines Technikkonzerns präsentiert wie eine öffentliche Kunsthalle, während die Dependance des Louvre in Nord-Pas-de-Calais wirkt, als würde man eine iPad-Benutzeroberfläche betreten? Der Beitrag liefert eine Analyse des Louvre Lens und beleuchtet das Projekt in Hinblick auf seine verblüffenden ästhetischen Familienähnlichkeiten in Materialsprache, Struktur und Atmosphäre zu neueren Apple Stores. Dabei wird versucht, die kulturellen und mentalitätsgeschichtlichen Codes zu entziffern und zu plausibilisieren, dass sich hier eine Epistemologie entfaltet, die die Welt als simultan präsentes Symbolsystem begreift.

Vittorio Hösle On Some Specific Traits of Russian Culture. Changes and Continuities Between the Pre-Soviet, the Soviet, and the Post-Soviet Phase

Der Aufsatz diskutiert die Frage, in welchem Sinne es Kontinuitäten zwischen der vorsowjetischen, der sowjetischen und der postsowjetischen Phase der russischen Kultur gibt, und entdeckt in der Ablehnung des bürgerlichen Wertesystems einen wichtigen konstanten Faktor. Auch wenn sie ursprünglich in der spezifischen orthodoxen christlichen Sensibilität verwurzelt war, half sie, die sowjetische Revolution vorzubereiten, und überlebte auch noch nach 1991. Von dem Igorlied bis hin zu Tolstois Dramen, Eisensteins Filmen und Filmtheorie sowie Maxim Kantors ikonischen Interpretationen der späten Sowjetunion und ihren Nachwirkungen enthüllt der Aufsatz entscheidende Merkmale der russischen Kultur.

Maria Muhle Praktiken des Inkarnierens: Nachstellen, Verkörpern, Einverleiben

Die medienästhetische Rede vom Inkarnieren, der Verkörperung oder dem embodiment teilt mit dem theologischen Verständnis der Inkarnation als ›Fleischwerdung‹ die Annahme eines möglichen Übergangs von einem immateriellen Prinzip zu etwas genuin Materiellem. Ästhetische Verkörperungen wurden zuletzt vermehrt unter dem Schlagwort des reenactment diskutiert, das darauf abzielt, eine historische Situation nach-erlebbar und damit zugänglicher zu machen. Verkörpernde Nachstellungen müssen aber nicht ausschließlich einer solchen identitären Logik verpflichtet sein, sie können vielmehr auch exzessive, hypermimetische Effekte produzieren, wie anhand der Besessenheitsrituale der Hauka und ihrer filmischen Verarbeitung durch Jean Rouch in Les Maîtres Fous gezeigt werden kann.

Stephan Gregory Imagination, Kombination, Defiguration. Monstropoetiken des 18. Jahrhunderts

Untersuchungen zur Poetologie des Ungeheuers oder zur Ästhetik des Monströsen im 18. Jahrhundert haben sich bisher fast ausschließlich mit dem Paradigma der ›weiblichen Einbildungskraft‹ beschäftigt. Im Mittelpunkt dieses Aufsatzes stehen dagegen Holbachs und Diderots Theorien der Monstrogenese, die einen radikalen Bruch mit dem Modell der Imagination, der Ähnlichkeit und der Autorschaft verfügen. Deren interessanteste ästhetische Konsequenz bildet das neue Denken des Ungeheuren, wie es gegen Ende des 18. Jahrhunderts u. a. in der Malerei Goyas hervortritt.

Helga Lutz Mit Puppen Spielen. Gefährliche Mimesis

Der Text vergleicht zwei fetischistische Puppenexperimente des 20. Jahrhunderts. Auf der einen Seite steht der vielbeachtete Versuch Oskar Kokoschkas, die verlorene Alma Mahler durch eine lebensechte Puppe zu ersetzen. Auf der anderen Seite geht es um die verborgen gehaltenen Bücher des Schweizer Einsiedlers Armand Schulthess, bevölkert von Hunderten von erotischen Collage-Frauen, die kunstvoll zusammengeklebt, vernäht und ineinander gefaltet sind. So unterschiedlich das zugrundeliegende fetischistische Ritual auch ausfällt, so zeigt sich in beiden Anordnungen doch eine grundlegende Übereinstimmung: In beiden Fällen nimmt das Inkarnieren die Form einer Operationskette an, die das Bild ins Register einer mimetischen Transformationsontologie überstellt.

Hans-Rudolf Meier Verkörpern, Verwandeln und Autorisieren mittels Spolien

Spolien – intentional wiederverwendete Bauglieder – referenzieren auf etwas nicht mehr Vorhandenes und machen dieses zugleich materiell präsent. Als einstiger Teil des Abwesenden verweisen sie im neuen Kontext zurück auf ihre Herkunftsobjekte. Sie verkörpern abstrakte Konzepte, Autorisierung und Authentisierung. In den präsentierten Beispielen werden verschiedene Ähnlichkeitsbezüge zum Herkunftsmonument diskutiert, die von formalen Referenzen über die exzessive Verkörperung zur formlosen Verarbeitung des Materials in einer neuer Oberfläche reichen.

Christiane Voss Mimetische Inkorporierung am Beispiel taxidermischer Weltprojektionen

Die Ablehnung der Mimesis, verstanden als ein Anspruch von Darstellungen auf Naturnachahmung, ist ein charakteristischer Grundzug moderner Ästhetik und Erkenntnistheorie seit dem Ende des 19. Jahrhunderts. Parallel dazu existieren zeitgleich im Raum wissensbildender Institutionen wie den Naturkundemuseen Dispositive, etwa die Habitat-Dioramen, die das traditionell mimetische Ideal auf kreative Weise aufrechterhalten. Diese vermeintlich anachronistischen Dispositive werden hinsichtlich ihrer mimesisproduktiven Dimensionen medienphilosophisch reflektiert und zu Adornos Mimesisverständnis ins Verhältnis gesetzt.