Nr. 8/2 (2017)

Operative Ontologien

Der Themenschwerpunkt »Operative Ontologien« der Zeitschrift für Medien- und Kulturforschung 8/2 (2017) widmet sich dem zentralen Thema der zweiten Forschungsphase des IKKM und schaltet mit dem Konzept der Operativen Ontologien von der Beobachtung der Relationen zwischen Menschen und Dingen unter hochtechnischen Bedingungen auf die Beobachtung von Operationen zwischen Menschen und Dingen um. Als Begriff erscheinen »Operative Ontologien« einerseits als widersprüchlich, denn im Rahmen des klassischen Ontologie-Verständnisses (das unter Sein ein unveränderliches Wesen versteht) kann er nur als contradictio in adject aufgefasst werden, insofern ein operationales Denken (wie z.B. in der Systemtheorie) sich in aller Regel als anti-ontologisches Denken versteht. Andererseits entspricht dieser Begriff jedoch dem Stand gegenwärtiger posthumanistischer und posteurozentrischer Kulturtheorien und Anthropologien, die sich als »vergleichende Ontographie«, »différents modes d’existence«, »ontologische Regime« oder »Dispositionen des Seins« verstehen. Im Rückgriff auf diesen state of the art birgt der paradoxale Charakter des Begriffs der operativen Ontologie gerade das Potential, die Frage nach der medientechnischen Verfasstheit der Beziehung zwischen Menschen und Dingen im Hinblick auf Forschungsdesiderate in neuer Weise fruchtbar zu machen. Um dieses Potential auszuloten, sind die Beiträgerinnen und Beiträger des Themenschwerpunkts gebeten worden, zwei initiale Texte der Herausgeber zum Thema mit eigenen Beiträgen kritisch zu ergänzen, zu kommentieren und weiterzuschreiben. Das Ziel dieses Versuchsaufbaus war es, gemeinsam nach der Hälfte des zweiten Forschungszeitraums eine erste Zwischenbilanz über den Stand der Arbeit an einem Leitthema des IKKM zu ziehen und auf dieser Basis eine breitere Diskussion über das Konzept der »Operative Ontologien« – über mögliche Ausbau- und Anwendungsfähigkeiten, über Paradoxien und Aporien – in den Medien- und Kulturwissenschaften zu eröffnen.

Inhalt

Editorial Lorenz Engell, Bernhard Siegert

Gene, Gehirn, Archiv. Über den Ort der menschlichen Natur im Humanethologischen Filmarchiv Vinzenz Hediger

Javier Cercas’ 23-F. Ein historischer Kippmoment im Romanformat Monika Dommann

Die Rede von der Sharing Economy Wolfgang Sützl

Eine Ökonomie des Teilens ist überlebensnotwendig – doch sie kann nur jenseits des Kapitalverhältnisses erkämpft werden Tomasz Konicz

Ein Sermon von dem neuen Testament, das ist von der heiligen Messe Martin Luther

Kommentar Daniel Weidner

Versetzungen. Das Diorama als ontographische Apparatur Lorenz Engell

Öffnen, Schließen, Zerstreuen, Verdichten. Die operativen Ontologien der Kulturtechnik Bernhard Siegert

Ein gelassen-dreifaches Hoch auf ›operative Ontologien‹ Hans Ulrich Gumbrecht

Die Rettung des Ontologischen durch das Ontische ? Ein Kommentar zu ›operativen Ontologien‹ Sybille Krämer

»Operative Ontologien«: Technikmaterialismus als prima philosophia ? Petra Gehring

Das ontologische Debakel oder was heißt: Es gibt Medien ? Astrid Deuber-Mankowsky

The Ontology of Media Operations, or, Where is the Technics in Cultural Techniques? Mark Hansen

Operative Ontologien – ein Versuch, einen klaren Begriff zu verunreinigen Gertrud Koch

Am Anfang war die Operation John Durham Peters

Abstracts

Lorenz Engell, Bernhard Siegert Editorial

Das von den Herausgebern verfasste Editorial zur vorliegenden Ausgabe der ZMK 8/2 (2017)

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Vinzenz Hediger Gene, Gehirn, Archiv. Über den Ort der menschlichen Natur im Humanethologischen Filmarchiv

Das Humanethologische Filmarchiv ist eine Sammlung von rund 800 Stunden Filmmaterial und 2000 Stunden Tonaufzeichnungen, zusammengetragen vom Verhaltensforscher Irenäus Eibl-Eibesfeldt und seinen Mitarbeitern über einen Zeitraum von vier Jahrzehnten. Die Humanethologie versteht sich als Biologie des menschlichen Verhaltens und fragt nach den phylogenetischen Bedingungen komplexer motorischer Abläufe, die sie in einer kulturvergleichenden Perspektive untersucht. Aber wovon genau ist das Humanethologische Filmarchiv ein Archiv? Dieser Beitrag geht dieser Frage nach, in dem er nach den operativen Ontologien der menschlichen Natur und der photographischen Evidenz fragt, die in das Forschungsdesign der Humanethologie eingelassen sind.

Monika Dommann Javier Cercas’ 23-F. Ein historischer Kippmoment im Romanformat

Im Zentrum von Javier Cercas’ Anatomia de un instante steht eine Geste: Adolfo Suárez, der zu Beginn des Putsches inmitten von Schüssen zu seinem Sessel zurückkehrt, sich hinsetzt und zurücklehnt, umgeben von leeren Sesseln. Am Beispiel von Cercas’ Nacherzählung eines Kippmoments des Postfranqismus wird die Rückkehr zum Ereignis als historische Heuristik wissens- und medienhistorisch beleuchtet. Dabei werden Charakteristiken einer Geschichtsschreibung herausgearbeitet, die sich seit 1970 für die exzessive Beschreibung eines Mikromomentes interessiert.

Wolfgang Sützl Die Rede von der Sharing Economy

Mit den digitalen Medien haben sich neue Formen der Warenzirkulation auf der Grundlage sozialer Netzwerke etabliert, die unter dem Begriff Sharing Economy zusammengefasst werden. Die Durchsetzung dieser onlinebasierten Transaktionen ist von einem euphorischen Diskurs begleitet, der der Sharing Economy utopische Potenziale einer gemeinschaftlichen Mehrwerterzeugung zuschreibt. Wolfgang Sützls Beitrag betont, dass die rhetorische Wirkung des Teilens und dessen Idealisierung über den Tausch als eigentliche ökomische Form hinwegtäusche. Anhand von Gabentheorien zeigt er auf, wie das Teilen (durch die Leugnung der Äquivalenzerwartungen) an seine Grenzen komme, indem es mit dem Geben verwechselt werde, und außerdem Wertschöpfungsprozesse von Unternehmen sowie die Verwertung von Ressourcen verschleiere. Den Gedanken, dass diese zur ›Ökonomisierbarkeit von allem‹ neige, greift auch Tomasz Konicz auf, der in der Ökonomie des Teilens einen ›anomalen‹ Wunsch nach alternativen Wirtschaftsformen angesichts der ›Krise des Kapitals‹ erkennt. Dafür bringt Konicz aus einer marxistischen Perspektive den ›prozessierenden Widerspruch‹ der Technologieentwicklung und ihre verheerenden Implikationen in Anschlag, die auch die Grundlage der Sharing Economy darstellen. Insofern sei die Suche nach Alternativen noch offen.

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Tomasz Konicz Eine Ökonomie des Teilens ist überlebensnotwendig – doch sie kann nur jenseits des Kapitalverhältnisses erkämpft werden

Mit den digitalen Medien haben sich neue Formen der Warenzirkulation auf der Grundlage sozialer Netzwerke etabliert, die unter dem Begriff Sharing Economy zusammengefasst werden. Die Durchsetzung dieser onlinebasierten Transaktionen ist von einem euphorischen Diskurs begleitet, der der Sharing Economy utopische Potenziale einer gemeinschaftlichen Mehrwerterzeugung zuschreibt. Wolfgang Sützls Beitrag betont, dass die rhetorische Wirkung des Teilens und dessen Idealisierung über den Tausch als eigentliche ökomische Form hinwegtäusche. Anhand von Gabentheorien zeigt er auf, wie das Teilen (durch die Leugnung der Äquivalenzerwartungen) an seine Grenzen komme, indem es mit dem Geben verwechselt werde, und außerdem Wertschöpfungsprozesse von Unternehmen sowie die Verwertung von Ressourcen verschleiere. Den Gedanken, dass diese zur ›Ökonomisierbarkeit von allem‹ neige, greift auch Tomasz Konicz auf, der in der Ökonomie des Teilens einen ›anomalen‹ Wunsch nach alternativen Wirtschaftsformen angesichts der ›Krise des Kapitals‹ erkennt. Dafür bringt Konicz aus einer marxistischen Perspektive den ›prozessierenden Widerspruch‹ der Technologieentwicklung und ihre verheerenden Implikationen in Anschlag, die auch die Grundlage der Sharing Economy darstellen. Insofern sei die Suche nach Alternativen noch offen.

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Lorenz Engell Versetzungen. Das Diorama als ontographische Apparatur

Im Anschluss an Merleau-Ponty lässt sich nach der Möglichkeit einer ›Ontographie‹ fragen, die mit dem Seienden zugleich die ›Art zu sein‹ dieses Seienden verzeichnet. Solche Überlegungen zu einer »écriture de l’être« lassen sich über den Bereich der graphischen oder diagrammatischen Notation hinaustragen. Als ein Dispositiv, das Sein nicht nur aufschreibt, sondern ›aufstellt‹, wird hier exemplarisch das naturkundliche Habitat-Diorama analysiert. Im Zentrum steht die ontographische Operation der ›Versetzung‹, aus der die spezifischen Evidenz- und Unmittelbarkeitseffekte des Dioramas hervorgehen.

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Bernhard Siegert Öffnen, Schließen, Zerstreuen, Verdichten. Die operativen Ontologien der Kulturtechnik

Im Rahmen der technikphilosophischen, ethnologischen wie auch medien- und kulturwissenschaftlichen Debatte über die Handlungsmacht der Dinge ist es zu einer Konjunktur von Ontologien gekommen, die jedoch das traditionelle Konzept der Ontologie dekonstruiert bzw. verschiebt. Der Beitrag folgt dieser Verschiebung der Ontologie, die Medien und mediale Artefakte nicht mehr als Substanzen denkt, sondern als Verkettungen von Praktiken und Operationen, die diese Medien-Dinge allererst generieren. Nach ›operativen Ontologien‹ zu fragen bedeutet, nach den konkreten ontischen Operationen zu fragen, die allererst ontologische Unterscheidungen hervorbringen – z. B. zwischen Form und Materie, Bild und Gegenstand, Ding und Prozess, Figur und Grund. Diese ontischen Operationen bilden den Kern dessen, was man Kulturtechniken nennt. Anhand von beispielhaften Hybridobjekten aus dem Bereich der material culture des späten Mittelalters und der frühen Neuzeit zeigt der Beitrag, wie dies konkret zu verstehen ist.

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Hans Ulrich Gumbrecht Ein gelassen-dreifaches Hoch auf ›operative Ontologien‹

›Operative Ontologien‹ erscheinen als eine sehr plausible Gegenwartsreaktion auf die Geschichte der westlichen Erkenntnistheorien seit der frühen Moderne. Sie basiert auf der meta-theoretischen Prämisse, dass derartig grundlegende Theorien sich heute nicht mehr als zwingend ›notwendig‹ erweisen, sondern zu einem Gegenstand der Wahl geworden sind. Eine Reihe von überzeugenden existentiellen, intellektuellen und ästhetischen Gründen spricht für die Wahl der ›operativen Ontologien‹ des IKKM.

Sybille Krämer Die Rettung des Ontologischen durch das Ontische ? Ein Kommentar zu ›operativen Ontologien‹

Das Konzept der ›operativen Ontologien‹ ist nicht einfach zu verstehen. Dieser Artikel versucht Potenzial und Schranken dieser Idee auszuloten. Der methodische Ansatz der operativen Ontologie zielt darauf, dass das ›Ontische‹ im Sinne des phänomenal je Gegebenen das ›Ontologische‹ im Sinne der Erklärbarkeit und Verstehbarkeit von Welt bedingt und aus sich hervortreibt: Das Ontische gebiert das Ontologische. Was das bedeutet, wird einerseits anhand von Bernhard Siegerts Begriff ›Kulturtechnik‹ sowie andererseits anhand von Lorenz Engells Begriff der ›Ontographie‹ rekonstruiert sowie kritisch kommentiert.

Petra Gehring »Operative Ontologien«: Technikmaterialismus als prima philosophia ?

Der Beitrag repliziert auf Bernhard Siegerts Programmtext zu »Operativen Ontologien«, hinterfragt einige grundbegriffliche Voreinstellungen des Siegertschen Technikmaterialismus und setzt sich kritisch mit dessen auf Ontologie(n) abzielenden Anspruch auseinander – wie er sich nun am Thema des technischen Mediums als »Ding« explizit festmacht. Dabei wird nicht zuletzt das Fehlen eines Technikbegriffs vermerkt, der zwischen den Polen Medium, Praxis/Operation und »Ding« (sowie dann auch »Artikulation« und »Kultur« im Kompositum »Kulturtechnik «) in hinreichend klarer Weise vermittelt. Vor allem aber rät die Verfasserin zum Verzicht auf die ontologische Perspektive, weil diese weder für medien- oder technikorientierte mikrologische Analysen noch für einen Technikmaterialismus erforderlich ist.

Astrid Deuber-Mankowsky Das ontologische Debakel oder was heißt: Es gibt Medien ?

Die aktuelle Wende zu neuen Ontologien in den Medien- und Kulturwissenschaften ist begleitet von der Anstrengung, Ontologien pragmatisch zu begründen und in Praktiken, Prozesse und Akte aufzulösen. Dabei besteht jedoch die Gefahr, dass Pragmatismus sich in Funktionalismus verkehrt und die ontologische Frage funktionalistisch beantwortet wird. Diese Gefahr zeigt sich deutlich im Begriff der ›operativen Ontologie‹, der sich in der Informatik schon in den 1990er Jahren im Kontext der Automatisierung von gespeichertem Wissen eingebürgert hat. Im Rückgang auf Willard van Quines Bestimmung des ontologischen Debakels wird nach den Chancen gefragt, die sich in der ontologischen Krise für einen medienphilosophischen Zugang jenseits einer funktionalistischen und damit zugleich technischen Lösung verbergen.

Mark Hansen The Ontology of Media Operations, or, Where is the Technics in Cultural Techniques?

Mein Ziel in diesem Beitrag ist es, eine Ontologie von Medienoperationen zu entwickeln, die auf Gilbert Simondons Theorie der Individuation fußt. Auf der Grundlage von Wolfgang Ernst, Henri Atlan und Michel Serres behaupte ich, dass Siegerts Versuch, die Medientheorie von ihrer Kittlerschen Linie abzulenken, den Stellenwert der außerkulturellen Operationalität technischer Medien und der Techniken im Allgemeinen herabspielt. Mit seiner Theorie der Information als Empfang von umweltlicher Singularität durch einen metastabilen Empfänger bietet Simondon dagegen einen Mechanismus, dank dem theoretisch durchdacht werden kann, wie die außerkulturelle Operationalität der technischen Medien die Kulturproduktion und die Unterscheidungen, auf denen sie beruht, prägt, ohne die Andersheit der Technik zu reduzieren.

Gertrud Koch Operative Ontologien – ein Versuch, einen klaren Begriff zu verunreinigen

Operative Ontologien werden in diesem Artikel als relationale kommunikative Situationen vorgestellt, in denen Medien und Technik Teil einer Praxis sind, aber nicht einfach mit dieser zusammenfallen. Die Ontologie bezieht sich auf eine temporäre Konstellation, beispielsweise eine Verknüpfung von Maschine, Körper und Bild, in der die ontologische Frage der Anthropologie perspektivisch immer wieder verschoben wird. Wie das genau zu verstehen ist, wird am Fallbeispiel der Motion-Capture-Technik deutlich, in der durch eine Verschmelzung von Live Action Movie und der animierten Welt der Visual Effects eine permanente Veränderung dessen erfolgt, was als Mensch oder menschliche Umwelt angesehen wird.

John Durham Peters Am Anfang war die Operation

Angeleitet durch Marx’ Thesen über Feuerbach untersucht der Artikel die linkshegelianischen Triebgründe des Programms der ›Operativen Ontologien‹. Bernhard Siegerts Versuch, »ontologische Unterscheidungen« auf »ontische Operationen« zurückzuführen, findet eine überraschende Parallele in Feuerbachs Unternehmen, »die religiöse Welt in ihre weltliche Grundlage aufzulösen«. Zugleich lässt sich im Postulat einer Vorgängigkeit kulturtechnischer Operationen ein technisch verstärktes Echo der Marxschen Rede vom Primat der Praxis vernehmen.