William Stewart Visiting Scholar

William Stewart
Oktober 2018 - Juli 2019

Cranachstraße 47, 1. OG, Raum 113
Tel.: +49 (0) 3643 58 – 40 12

Vita

William Stewart promoviert an der Princeton University als Doktorand im Department of German sowie im Princeton Interdisciplinary Doctoral Program in the Humanities (IHUM).

Nach dem Ende seines Bachelor-Studiums 2012 mit einer Abschlussarbeit in Weltliteratur, arbeitete er einige Jahre im Berliner Atelier des dänisch-isländischen Künstlers, Olafur Eliasson, bevor er 2015 als Doktorand in Princeton anfing. Seine Dissertation soll die politischen, sozialen und ästhetischen Wirkungen der Transnationalität im deutschsprachigen Kulturraum nach dem zweiten Weltkrieg untersuchen, vor allem ihre wechselwirkenden Resonanzen und Dissonanzen mit einem globalisierenden Kapitalismus und dem frühen Neoliberalismus. Mit Interesse an einer diversen Gruppe von Schriftstellern, Künstlern und Denkern —u.a. Ingeborg Bachmann, Uwe Johnson und Oswald Wiener; Hanne Darboven, Hans Haacke und Gerhard Richter; und Max Bense und Vilém Flusser—zielt dieses Projekt auf eine Konzeptualisieren davon, wie Paradigmen wie Nomadismus, kapitalistischer Realismus und die Kybernetik die Räume, die diese Figuren bewohnen, und das Bewusstsein, das ihre Werke bekunden, bedingen.

Während des akademischen Jahres 2018–2019 ist er Stipendiat der Fulbright-Kommission.

Forschungsfelder

Kulturgeschichte, Medienphilosophie, Neoliberalismus, Globalismus, Transnationalität, Kybernetik, Bürokratie, Neo-avant-garde der Literatur und der bildenden Kunst

IKKM Forschungsprojekt

Die Politik und Ästhetik von Transnationalität in der deutschsprachigen Nachkriegs-Avantgarde

Im Laufe der letzten Jahre gestalteten Forschungsprojekte aus unterschiedlichen Bereichen und verschiedenen Perspektiven in der Kulturtheorie, Architektur und Mediengeschichte—wie die von etwa Andreas Huyssen, Felicity D Scott und Fred Turner—die spezifischen politischen, sozialen und technologischen Umständen, aus denen während der Nachkriegsjahrzehnte im Westen globale und transnationale Positionen entstehen konnten. Die Entwicklung solcher Positionen trägt im deutschsprachigen Kontexten ein besonderes Gewicht, denn Begriffe wie „global“, „transnational“ oder „postnational“ bezeichnen eine implizite Politik, die sich einem Faschismus untermauernden Nationalismus gegenüberstellt. Also beschäftigt sich der trans- und postnationale Diskurs im deutschsprachigen Raum nicht nur mit der Deterritorialisierung des postkolonialen Paradigmas, der Entstehung eines durch Stellvertreterkonflikten ausgeführten kalten Krieges und geopolitischem Manövrierens internationalen Körperschaften wie der UN und des IMFs, sondern auch mit einer auf die spezifisch deutsche Kulturgeschichte beantwortenden politischen und sozialen Agenda.

Meine jetzige Arbeit untersucht diese These mit einer gewissen Granularität und betrachtet dabei einige diversen Fallstudien in der Belletristik, der Medien- und Kulturphilosophie und der bildenden Kunst, um die Manifestationen von trans- und postnationalen Strömungen innerhalb westlichen, deutschsprachigen Rahmen nach dem Zweiten Weltkrieg zu vermessen.

Einige Fokusse dieser Studie wie zB der Autor Uwe Johnson und der Künstler Gerhard Richter erleben Transnationalität vor allem als die Verwurzelung einer deutschen Identität in einem Regierungszwiespalt zwischen Ost und West. Diese zugrundeliegende deutsch-deutsche Spaltung steht im Zentrum vom Schreiben Johnsons—wie im Jakob-Abs-Romankosmos zu beobachten ist—aber befördert dadurch auch eine Rekonzeptualisierung von Deutschheit als in einem transnationalen Paradigma immer schon besiedelt. Richters Ausbildung in Sozialrealismus als Kunststudierender in Dresden diente später nach seiner Flucht in den Westen 1961 als Ausgangspunkt für seine Begegnung mit der deutschen Pop-Tradition, deren Ästhetik er mit dem mehrdeutigen „Kapitalistischen Realismus“ betitelte.

Bei anderen, wie der österreichischen Autorin Ingeborg Bachmann oder dem in Prag geborenen Medienphilosoph Vilém Flusser, spielten „Heimatslosigkeit“ eine zentrale Rolle. Ob diese Heimatslosigkeit aus einem gezwungenen Exil wie Flussers oder einem gewählten wie Bachmanns sprang, herrschen in ihren Oeuvres ein Nihilismus und eine Ausgrenzung über das Subjekt. Diese dienen in manchen Fällen als Ort des Ich-Löschens—wie in Bachmanns Beschreibung des ausradierten Autors ihrer Worte, „geschrieben von jemand, der nicht existiert“—aber in anderen Fällen als Ort der „Menschenwerdung“ wie in Flussers Versuch, das Subjekt durch ein Projekt zu ersetzen und neuzugestalten.

Deutsche Mathematiker und Ästhetiker Max Bense und österreichischer Verfasser der Avantgarde Oswald Wiener verbinden durch ihre jeweilige Arbeit Transnationalität nicht nur mit einer Politik der Postnationalismus, sowie mit dem zurzeit gewachsenen Feld der Informationstheorie. Benses Interesse an „Informationsästhetik“ bezieht sich sowohl auf seine Forschung über die Gemeinplätze von Mathematik und Ästhetik als auch auf seine Erfahrung in der Abteilung „Information“ der Hochschule für Gestaltung Ulm, deren pädagogische Philosophie explizit darauf zielte, einen demokratischen, kosmopolitischen Austausch zu züchten und ihre Studierende durch Informationsanalyse von nationalistischer Massenpropaganda im Voraus zu schützen. Oswald Wiener kultivierte ähnlich in seinem Schreiben sowie seiner Beteiligung im Wiener Aktionismus eine Ästhetik der Information, die mit „einer vereinfachten weltsprache“ zu tun hatte, deren „anschaulichkeit [ . . . ] der zeitgemässen forderung nach konzentrierter information [entspricht]”.

Letztlich nimmt diese Arbeit vor Auge die Künstler Hanne Darboven und Hans Haacke, deren Werke innerhalb einer transnationalen Nachkriegskunstwelt entsteht und dadurch bedingt wird. Mit Werken, die Netzwerklogik und autopoetische Systeme untersuchen, verkörpern Darboven und Haacke einen bemerkenswerten Fall des Künstlers im späteren 20. Jahrhundert: trotz ihrem ständigem Status als „deutsche“ Künstler werden ihre Karriere durch und durch von einem transatlantischen Kunstnetzwerk bedingt.