Alice Lagaay Ehem. Research Fellow

Alice Lagaay
April - September 2017

Vita

Alice Lagaay ist eine Berlin-basierte Philosophin, die aktiv an der Entstehung des interdisziplinären Forschungsfeldes der Performance Philosophie beteiligt ist. Sie hat das internationale Forschungsnetzwerk Performance Philosophy mitgegründet und ist Mitherausgeberin der gleichnamigen Buchreihe beim Verlag Palgrave Macmillan . Im Kontext einer allgemeinen Untersuchung von verschiedenen Figuren und Dimensionen 'negativer Performanz' (Seinlassen, Nicht-tun, Schweigen, Scheitern...) ist ihr aktueller Forschungsschwerpunkt dem von Salomo Friedlaender 1918 geprägten Begriff der Schöpferischen Indifferenz gewidmet.

Forschungsinteressen

Medientheorie (mit besonderer Berücksichtigung von Stimme, Körper, Stille und Begriffen von „Mitte“/„milieu“) Europäische Philosophie des 20. Jahrhunderts

IKKM Research Project

Salomo Friedlaenders „Schöpferische Indifferenz“ (1918) als eine ethische, ontologische, politische und performative Quelle

Zwei unterschiedliche Strömungen können im aktuellen akademischen Diskurs beobachtet werden. Die eine hat zu tun mit einer Weiterentwicklung von Theorien, die in den 1960ern als Philosophien der Differenz entwickelt wurden (Foucault, Derrida, Deleuze, et al.), hin zu einer Untersuchung der Dimensionen von Indifferenz. Giorgio Agambens enigmatische Ankündigung auf der ersten Seite von „Die kommende Gemeinschaft“, dass „das kommende Sein […] beliebig“ sei, kann gelesen werden als ein Beispiel dieser neuen Inszenierung von Indifferenz, die mit einem verstärkten Interesse an Formen von Materialität und Verkörperung ebenso wie mit dem subjektiven und schöpferischen Leben einhergeht.

Eine zweite aktuelle Entwicklung bezieht sich auf vielfältige Versuche, quer durch die Künste und Geisteswissenschaften, das theoretische Potential von künstlerischen Praktiken auf der einen Seite und das performative Potential von Theorie auf der anderen über eine Untersuchung der Überschneidungen von Philosophie und Performanz zu erforschen. Als Ausdruck dieser Strömung kann die Bemühung angesehen werden, künstlerische Forschung als eine akademische Disziplin zu etablieren, ebenso wie die Geschwindigkeit, mit der das internationale Netzwerk „Performance Philosophy“ aktive Mitglieder aus der ganzen Welt angezogen hat. Die aktuelle Wiederentdeckung der Werke Samuel Friedlaenders, dem Künstler-Philosophen des frühen zwanzigsten Jahrhunderts, ist von besonderem Interesse in diesem doppelten Kontext. Friedlaender war eine prominente Figur in einem Zirkel von expressionistischen Künstlern und Intellektuellen in Berlin in den 1910er Jahren. Er war ein sehr produktiver Philosoph, der ausgedehnte Kommentare zu Nietzsche, Kant, Buber, Einstein und vielen anderen geschrieben hat, und dessen magnum opus die einflussreiche „Schöpferische Indifferenz“, zuerst publiziert 1918, als eine Quelle nicht nur für Walter Benjamin, sondern auch für Fritz Perls, den es zu der Entwicklung der Gestalttherapie inspirierte, angesehen werden kann. Friedlaender war auch bekannt für den Ausdruck seiner Philosophie der schöpferischen Indifferenz in satirischen Texten und grotesken politischen Erzählungen, die er unter dem Pseudonym Mynona publizierte – das Wort „Anonym“ rückwärts gelesen und synonym für verschiedene Arten des „Indifferenten“. Mein Interesse für Friedlaender/Mynona (F/M) folgt dem Gefühl, dass eine Untersuchung seiner Rolle in der Geschichte der Theorie des frühen 20. Jahrhunderts es möglich macht, genealogische Linien zwischen einer Theorie der Indifferenz und einem verstärkten Interesse an performativen und künstlerischen Qualitäten der Philosophie zu ziehen und damit auch die zwei zuvor genannten Stränge des gegenwärtigen Denkens zu verbinden. Es kann gezeigt werden, dass F/M nicht nur ein Vorläufer der Dekonstruktion, lange vor Heidegger oder Derrida, sondern auch ein Performanz-Philosoph avant la lettre war. Eine Rekonstruktion seines Einflusses auf einige seiner bekannteren Zeitgenossen zeigt, dass er eine Schlüsselfigur war, durch die eine Politik der Indifferenz mit Praktiken der Körperarbeit (Gestalttherapie, sensorisches Bewusstsein, u.a.) und Theorien des schöpferischen Selbst verbunden werden kann, die holistische therapeutische Ansätze aber auch viele künstlerische Ausdrucksformen, von Dada bis Cunningham, von Hausmann bis Sun Ra, beeinflusst hat.

Jüngste Publikationen

ENCOUNTERS IN PERFORMANCE PHILOSOPHY, Theatre, Performativity and the Practice of Theory, (Co-edited with Laura Cull O'Maoilearca), Palgrave Macmillan 2014.

Performance in Philosophy/Philosophy in Performance: How can performative practices enhance the teaching of theory? Co-authored with Jörg Holkenbrink. In: Performance Matters, Vol. 2.1. “Performance and Pedagogy” 2016.

From Ach! to Bof! A Response to Avital Ronell, in: Anna Street et al. (eds.): Interviews: Conversations and Crossings in Performance Philosophy, London: Palgrave Macmillan, 2016.

Ungrund, Neutrum, Indifferenz. Ein Versuch mit Salomo Friedlaender (1871-1946), in: Rautzenberg, Markus/Juliane Schiffers (Hg.): Ungründe. Perspektiven Prekärer Fundierung. München: Fink 2016.