Georg Stanitzek Ehem. Senior Fellow

Georg Stanitzek
April - September 2017

Vita

Georg Stanitzek (1953) ist Professor für neuere deutsche und allgemeine Literaturwissenschaft an der Universität Siegen. Er hat Germanistik, Geschichte und Philosophie an den Universitäten zu Köln und Bielefeld (1974-1982) studiert. Seine Dissertation schrieb er über die Bedeutung der „Blödigkeit“ im deutschen Literatur- und Sozialleben des 18. Jahrhunderts. Stanitzek arbeitete als wissenschaftlicher Mitarbeiter in dem kollaborativen Forschungszentrum „Bürgertum“ in Bielefeld und war später Koordinator der Forschungsgruppe „Medien und kulturelle Kommunikation“ an der Universität zu Köln, wo er auch 1997 über die Genregeschichte des Essays habilitiert wurde. Von 1997-1998 war er Vertretungsprofessor für Friedrich Kittler an der Ruhr-Universität Bochum. 2000 wurde er Professor an der Universität Siegen und leitete dort DFG-geförderte Forschungsprojekte zu den Themen „Formen des Vorspanns im Hollywoodfilm“ und „Boulevard, Bohème und Jugendkultur“. In der Forschungsgruppe „Medien der Kooperation“ forscht er derzeit über literarische Öffentlichkeiten im 18. Jahrhundert, besonders die Semantik der Freundschaft.

Forschungsinteressen

• Nicht-fiktionale Genres: Essay und vergleichbare Texte, deren experimentelle Manifestationen, Ratgeberliteratur, Genres akademischer Praktiken und Kommunikation
• Historische Semantik, besonders in der Sozialgeschichte der Literatur (Dilettantismus, Bildung, Philistrosität)
• Vergleichende Analyse von Paratexten in verschiedenen Medien
• Medien der Literatur: Buch und Pamphlet, vgl. Georg Stanitzek: "Buch: Medium und Form – in paratexttheoretischer Perspektive", in: Buchwissenschaft in Deutschland. Ein Handbuch, hrsg. von Ursula Rautenberg, 2 Bd., Berlin: de Gruyter 2010, Bd. 1: Theorie und Forschung, S. 156–200; vgl. ebenfalls Jan-Frederik Bandel: "Broschüren. Zur Legende vom 'Tod der Literatur'", in: Kodex. Jahrbuch der Internationalen Buchwissenschaftlichen Gesellschaft 5: "Bleiwüste und Bilderflut. Geschichten über das geisteswissenschaftliche Buch," hrsg. von Caspar Hirschi und Carlos Spoerhase (2015), S. 59–90.
• Geschichte der neuen Empfindsamkeit in den 1960ern und 70ern (in Vorbereitung)

IKKM Forschungsprojekt

Die Semantik der Freundschaft im 18. Jahrhundert: Konzepte und Praktiken

Die Literaturgeschichte des 18. Jahrhunderts ist immer noch dominiert von den Narrativen der aufkommenden Bourgeoisie. Die Literaturgeschichte wird erzählt als eine Geschichte der Emanzipation; Individuen, die nicht länger in Gemeinschaften und feudalen Strukturen positioniert sind, erscheinen nun als Gleichgestellte. Im Rahmen dieses konventionellen Narratives repräsentiert die Freundschaft, charakterisiert vor allem durch Symmetrie, eine ideale Beziehung. Die Sozialgeschichte hat jedoch gezeigt, dass literarische Öffentlichkeiten aus den gelehrten, höfischen und städtischen Kommunikationsstrukturen entstehen und die eigensinnige Beharrlichkeit feudaler Vorrechte und die Beziehungen von Wohltätern und Abhängigen im literarischen Leben des 18. Jahrhunderts darauf hin deuten, dass die eigentliche historische Semantik von Freundschaft und ihre vielfältigen Funktionen bisher noch nicht vollständig anerkannt wurden. Tatsächlich ist es so, dass die historische Semantik der Freundschaft seit den Anfängen bei Aristoteles eine asymmetrische soziale Beziehung reflektiert hat und aus diesem Grund in der modernen Zeit verwendet wurde. „Es gibt nur wenig Freundschaft in der Welt, und am allerwenigsten zwischen Gleichgestellten“ schreibt Francis Bacon in einer realistischen Einschätzung (Essays, 48: „Über Anhänger und Freunde/ De clientibus, Famulis et Amicis“). Ein altes Sprichwort, das Denis Diderot in seinem Artikel „Amitié“ in der Encyclopédie anführt, lautet: „amicitia aut pares invenit, aut facit.“ Dieses Sprichwort scheint zu suggerieren, dass das Konzept von Freundschaft dazu dient, Verhandlungsprozesse anzuleiten, die situationsabhängige und kurzzeitige Gleichheit unter Bedingungen der Ungleichheit möglich machen. Das Forschungsprojekt wird einen gemischten Korpus von Literatur untersuchen, der wohlwissend weniger kultivierte, weniger hochrangige Semantiken und besonders theoretische Texte enthält, die alltägliche, pragmatische Dimensionen der Freundschaftssemantik thematisieren, vielmehr als eine einfache Reformulierung von Standardkonzepten, die aus dem traditionellen philosophischen Kanon hergeleitet werden.

Publikationen (Auswahl)

Bohème nach '68, ed. Walburga Hülk, Nicole Pöppel and Georg Stanitzek, Berlin: Vorwerk 8 2015.

La bohème comme milieu de formation: structure d'un topos social, trans. Isabelle Kalinowski, in: Trivium. Revue franco-allemande de sciences humaines et sociales 18: "Cultures de la créativité. Bohème historique et précarités contemporaines", ed. Walburga Hülk, Bénédicte Zimmermann and Anthony Glinoir (2014), URL: http://trivium.revues.org/4993.

Philister. Problemgeschichte einer Sozialfigur der neueren deutschen Literatur, ed. Remigius Bunia, Till Dembeck and Georg Stanitzek Berlin: Akademie 2011.

Essay – BRD, Berlin: Vorwerk 8 2011.

Strong ties/Weak ties: Freundschaftssemantik und Netzwerktheorie, ed. Natalie Binczek and Georg Stanitzek, Heidelberg: Winter 2010 (= Beihefte zum Euphorion. Zeitschrift für Literaturgeschichte, 55).

Reading the Title Sequence (Vorspann/Générique), trans. Noelle Aplevich, in: Cinema Journal 48,4 (Summer 2009), p. 44–58.

With Friends on the Phone: Alexander Kluge's "Networks", trans. Ellen Klein and Caroline Rued-Engel, in: IASLonline, 31.12.2008, URL: http://www.iaslonline.de/index.php?vorgang_id=3019.

Das Buch zum Vorspann. "The Title is a Shot", ed. Alexander Böhnke, Rembert Hüser and Georg Stanitzek, Berlin: Vorwerk 8 2006.

Ephemeres. Mediale Innovationen 1900/2000, ed. Ralf Schnell and Georg Stanitzek, Bielefeld: Transcript 2005.

Texts and Paratexts in Media, trans. Ellen Klein, in: Critical Inquiry 32,1 (Autumn 2005), p. 27–42.

Paratexte in Literatur, Film, Fernsehen, ed. Klaus Kreimeier and Georg Stanitzek, Berlin: Akademie 2004 (Reihe LiteraturForschung, ed. Eberhard Lämmert and Sigrid Weigel).

"The plastic people will hear nothing but a noice." Paratexts in Hollywood, The Beatles, Rolf Dieter Brinkmann, et al., trans. Alexander Böhnke, in: Soziale Systeme 9,2: "Popular Noise in Global Systems," ed. Torsten Hahn, Nicolas Pethes and Urs Stäheli (2003), p. 321–333.

Blödigkeit. Beschreibungen des Individuums im 18. Jahrhundert, Tübingen: Niemeyer 1989 (= Hermaea. Germanistische Forschungen. Neue Folge, ed. Hans Fromm and Hans-Joachim Mähl, vol. 60).