Isabell Schrickel Research Fellow

Isabell Schrickel
Oktober - Dezember 2019

Vita

Isabell Schrickel promoviert am Center for Global Sustainability and Cultural Transformation der Leuphana Universität und der Arizona State University. Sie hat Medientheorie, Kulturwissenschaften und Publizistik an der Humboldt Universität zu Berlin und der Freien Universität Berlin, sowie der Universität Basel studiert und war Fellow am Harvard Department of the History of Science. Ihren Magister hat sie mit einer Mediengeschichte der Wettervorhersage abgeschlossen. Sie forscht über die Geschichte des International Institute for Applied Systems Analysis (IIASA) in Wien und die Entstehung Systemmodellierungen und Nachhaltigkeitsdenken im Kalten Krieg. Stand: 2019

Forschungsfelder

Zeit- und Wissensgeschichte der Umweltwissenschaften, Zukunftsforschung, Geschichte und Epistemologie digitaler Medien in den Wissenschaften, Nachhaltigkeit

IKKM Forschungsprojekt

Nachhaltigkeit als operative Ontologie zwischen Rückwendung und Zukunftsentwurf

Der Begriff der Nachhaltigkeit, 1996 von einem der bekanntesten Umweltaktivisten in der NY Times als „buzzless buzzword“ verdammt, hat in den vergangenen Jahrzehnten eine erstaunliche Persistenz bewiesen. Gerade weil Nachhaltigkeit eine häufig belächelte aber gleichwohl ubiquitäre Worthülse ist, könnten wir es mit einem Grundbegriff zu tun haben, in dem die Transformation der Moderne greifbar wird. Nachhaltigkeit taucht in den Titeln unzähliger neuer wissenschaftlicher Journals und Studiengänge auf, von Regierungen und Unternehmen werden Nachhaltigkeitsstrategien erwartet und auf globaler Ebene sind 2015 die Sustainable Development Goals von den United Nations verabschiedet worden.
Bei genauerer Betrachtung wird die spezifische Relationierung von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft innerhalb eines Ökosystems, die der Begriff vornimmt, schon länger als neues Zeitregime thematisiert. Bereits 1989 hat etwa Helga Nowotny konstatiert, dass die „Umweltschleifen menschlichen Handelns zu Zeitschleifen werden, die auf die Gegenwart zurückwirken“. Inzwischen erhebt der Begriff Anthropozän dieses Verhältnis zu einer erdgeschichtlichen Epoche, die vom Narrativ der great acceleration und der normativen Ausrichtung an Klima- oder Entwicklungszielen gerahmt wird. Wie ist der Begriff der Nachhaltigkeit also in der Spätmoderne zu verorten? Wie lässt sich das Spannungsverhältnis zwischen normgebendem Zustand (der gleichermaßen historisch und zukünftig sei) und Prozess (z.B. als Transformation) denken? Inwiefern haben wir es also mit einer operativen Ontologie zu tun und welche Operationen der Rekursion, Rückwendung, Bewahrung, Reflexion und Modellierung ermöglichen diese? Wie lässt sich Nachhaltigkeit als Begriff der operativen Verschaltung von Bestandsdenken (Selbsterhaltung, Konservierung, Rückbesinnung) und Zukunftsentwurf denken?

Ausgewählte Publikationen

Overcoming Cold War Science: Problems as Epistemic Designs around 1970. In: Hörl / Leistert / Savransky (Eds.): Thinking the Problematic. Bielefeld: transcript 2019 (im Erscheinen).
International Institute for Applied Systems Analysis. In: Frank Reichherzer / Emmanuel Droit / Jan Hansen (Eds.): Den Kalten Krieg vermessen. Über Reichweite und Alternativen einer binären Ordnungsvorstellung. Berlin: De Gruyter Oldenbourg 2018, 199-214.
Control versus Complexity: Approaches to the Carbon Dioxide Problem at IIASA. In: Berichte zur Wissenschaftsgeschichte 3 (2017): Special Issue Trading Zones of Climate Change, ed. by Isabell Schrickel, Christoph Engemann, 140-159.
Modeling Normativity in Sustainability – A Comparison of the Sustainable Development Goals, the Paris Agreement, and the Papal Encyclical (with G. Schmieg, E. Meyer, J. Herberg, G. Caniglia, U. Vilsmaier, M. Laubichler, E. Hörl, D. Lang). In: Sustainability Science 12/37 (2017).