Léa Perraudin Research Fellow

Léa Perraudin

Vita

Léa Perraudin ist Medienkulturwissenschaftlerin. Nach dem Studium der Kulturanthropologie, Philosophie und Medienkulturanalyse in Frankfurt am Main und Düsseldorf hat sie 2019 als Kollegiatin der a.r.t.e.s. Graduate School for the Humanities Cologne promoviert. Ihre Dissertation zum Thema „Playful, entangled, messy: Mediale Begegnungen in der Technosphäre“ versteht sich als eine medientheoretische Auseinandersetzung mit den multiplen (Un-)greifbarkeiten des Anthropozäns. Sie ist derzeit als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Medienkultur und Theater der Universität zu Köln tätig. Zuvor war sie von 2014-2019 wissenschaftliche Mitarbeiterin am Zentrum für Medienwissenschaften und Moderneforschung (MeMo) der Universität zu Köln sowie von 2012-2017 Lehrbeauftragte und Projektmitarbeiterin für reflexives Schreiben an der Münster School of Design der FH Münster (Projekt „Wandel bewegt“, gefördert durch den Qualitätspakt Lehre des BMBF). 2016 widmete sie sich als Visiting Scholar in New Media am Berkeley Center for New Media (BCNM) der University of California, Berkeley Fragen an der Schnittstelle von technischen Infrastrukturen und elementar-medialer Ästhetik. Ihre Forschung ist sowohl theoretisch als auch ästhetisch-konzeptuell am Fluiden, Ephemeren, Granularen interessiert und adressiert reflexive resp. diffraktive Praktiken des Wahrnehmens und des Wissens.

Forschungsfelder

media theory
media ecologies
process philosophy
aesthetic and theory of the Anthropocene
experimental cultures in media, art and design
theories of play and playfulness
practices of writing and reflection

IKKM Forschungsprojekt

Evaporieren | Obfuskieren. Phasenübergänge des Medialen

In zeitgenössischen technisierten Medienkulturen ist eine maßgebliche, aber klärungsbedürftige Dynamik zu beobachten: Entgegen der Annahme einer widerspruchsfrei fortschreitenden Mediatisierung sind konkrete Praktiken auszumachen, die sich auf je eigene Weise gegen die technokapitalistischen Imperative der Vernetzung und Anschlussfähigkeit wenden. Sie entziehen sich, machen sich flüchtig, hinterlassen irreführende Spuren. Vorgänge wie opt-out oder unsubscribe, Medienangebote wie Blocking Apps und Ephemeral Messaging sowie soziale Phänomene wie Digital Detox und Digital Decluttering deuten eine grundlegende Ambivalenz gegenüber dem Versprechen der Konnektivität an. Wo die Metaphorik des fluiden Mediums durch Figuren des Fließens, des Diaphanen und des Existentiellen sich zur präferierten Beschreibungsform vernetzter Kommunikation erhoben hat und zahlreichen sprachlichen Wendungen – etwa dem surfing, den torrents oder streams – stattgibt, bedarf das mediale Verdampfen (Evaporieren) und Vernebeln (Obfuskieren) gesonderter Aufmerksamkeit. Der Phasenübergang vom Flüssigen zum Gasförmigen regt Anschlussüberlegungen an das Entstehen und Vergehen der beteiligten Stoffe an. Das Begriffspaar Evaporieren | Obfuskieren bietet davon ausgehend einen medienphilosophischen Zugriff auf die Fluchtlinien globaler Vernetzung. Für zeitgenössische Medienpraktiken ist damit zweierlei impliziert:
Jede Aufzeichnung, Übertragung und Erfahrung des Medialen ist ein notwendig ephemeres Phänomen, das Fragen von Zugang, Materialität und Obsoleszenz impliziert. Medien als Forschungsgegenstände sind hierin vor empfindliche Herausforderungen gestellt. Die Ausdifferenzierung digitaler Plattformen geht zudem einher mit einem wachsenden Interesse an flüchtigen Inhalten und stellt das Ephemere als mediales Prinzip eigenen Rechts in den Fokus. Das ‚Ephemeralnet‘ wird so zum Signum einer Kulturtechnik, die nicht das Speichern, sondern das Löschen, das Verschwinden, das Entziehen – kurzum: das Evaporieren – zum neuen Standard erhebt. Das Netz wird hierin zum Signum einer operativen Amnesie.
Das Misstrauen gegenüber dem algorithmischen Hintergrundrauschen einer jeden Operation im Netz ruft die kritisch-reflexive Methode der Obfuscation (Brunton/Nissenbaum 2015) auf den Plan, die Ambivalenz durch das permanente Anhäufen von Information erzeugt. Aus der Softwaretechnik entlehnt, kennzeichnet die Obfuscation das gezielte Verändern eines Programms und erschwert damit den Zugang zum Quelltext. Für experimentell-ästhetische Praktiken im Sinne einer Unterwanderung intendierter Modi der Zuordnung und Identifikation bedeutet dies Streuung, Exzess, Täuschung – kurzum Obfuskieren. Inmitten des exzessiv angelegten ‚Datennebels‘ und seines informationstheoretischen Rauschens verliert das gefragte Einzeldatum seine exponierte Stellung. Das Netz zeigt sich dabei als Gegenstand eines operativen Wucherns. Evaporierende und obfuskierende Medienpraktiken stiften hierin Überschreitungsmomente von Nähe und Distanz, Teilhabe und Entzug, Persistenz und Ephemeralität, Innen und Außen, Auflösung und Exzess und spielen deren Gleichzeitigkeiten je situativ und ergebnisoffen aus.

Ausgewählte Publikationen

Perraudin, Léa. "Digging Deep – Mud as Medium. Playful Encounters with the Soil." In Playful Participatory Practices – Theoretical and Methodological Reflection, eds. Pablo Abend, Benjamin Beil, Vanessa Ossa, Johanna Steindorf. Wiesbaden: Springer (forthcoming).

Perraudin, Léa. “Jeder Tropfen zählt. Elementar-mediale Begegnungen im Milieu des Rain Room (rAndom International, 2012).“ In: Medienobservationen, Special Issue “Spürtechniken. Von der Wahrnehmung der Natur zur Natur als Medium”, eds. Birgit Schneider, Evi Zemanek (forthcoming).

Perraudin, Léa. 2019. "Capturing the Ephemeral. Experimental interfaces and Snapchat as messy modes of interaction in the Technosphere." In Technobilder: Medialität, Multimodalität und Materialität in der Technosphäre, eds. Lars Grabbe, Patrick Rupert-Kruse, Norbert M. Schmitz. 198-217, Darmstadt: Büchner.

Perraudin, Léa. 2017. "Where have all the cases gone? Die offenen Behausungen des experimentellen Interfacedesigns." In Gehäuse: Mediale Einkapselungen, eds. Christina Bartz et al., 171-90. Paderborn: Wilhelm Fink.

Perraudin, Léa. 2016. "Tales from the Great Pacific Garbage Patch – Speculative Encounters with Plastic." In Müll – interdisziplinäre Perspektiven auf das Übrig-Gebliebene, eds. Christiane Lewe, Tim Othold and Nicolas Oxen, 143–69. Bielefeld: transcript.

Perraudin, Léa (co-edited with Thilo Harth and Hendrik Otremba). 2016. TextGestalten – DesignSchreiben. Münster: Verlag der FH Münster.

Perraudin, Léa (co-authored with Thilo Harth and Hendrik Otremba). 2016. "Gedanken gestalten. Integration reflexiven Schreibens in das Studium." In Neues Handbuch Hochschullehre 75, 109-26.