CfP: Kleine Formen

Archiv für Mediengeschichte 19 (2021): »Kleine Formen«

Aktualitätsdruck, knappe Aufmerksamkeitsressourcen und mediale Mobilitätsschübe haben zur Privilegierung kleiner Darstellungsformate geführt, welche die Kommunikationspraktiken in diversen – politischen, ökonomischen, wissenschaftlichen, kulturellen – Gebieten bestimmen. Solche Konjunkturen sind allerdings keineswegs neu, vielmehr ist die Klage über die ‚Flut‘ von Nachrichten, Informationen und Novitäten, die zur Kenntnis genommen werden wollen, spätestens seit der Frühen Neuzeit notorisch geworden. Dabei zeichnet sich ein enger Zusammenhang zwischen Mediengeschichte und der Zirkulation kleiner Formen unterschiedlichster Art ab, ein Zusammenhang, dem sich die kommende Ausgabe des Archivs für Mediengeschichte widmen wird. In den erbetenen Beiträgen sollen vor allem folgende Fragestellungen in den Mittelpunkt rücken.

So wenig kleine Formen auf konzise Genres und Formate festgelegt werden können und diverse Repräsentationsweisen wie Texte, Bilder oder Clips gleichermaßen einschließen, so sehr ist ihre Existenz, ihr Status und ihre Funktion erstens abhängig von materialen und medientechnischen Voraussetzungen, die von Drucktechniken über Presse, Zeitungen und Zeitschriften bis zu elektrischen, elektronischen und digitalen Technologien reichen. Dabei wird die Informationsökonomie kleiner Formen durch die Infrastruktur von Übertragungsmedien (etwa Post, Telegraphie oder digitale Netzwerke) ebenso bestimmt wie von Darstellungsmedien, die mit Druckseiten, Screens, Displays oder Interfaces jeglicher Art bestimmte Formatvorgaben diktieren. Die logistische Funktion solcher Formen wird zudem von Speichermedien definiert, die mit ihren Speicherkapazitäten, mit Verfahren des Archivierens, des Adressierens, der Ablage und des Wiederfindens so unterschiedliche Kurzformen und Ordnungspraktiken wie Kataloge, Zettelkästen, Karteisysteme, Datenbanken, Listen, Verzeichnisse, lexikalische Einträge, Abstracts, Digitalisate oder Icons auf den Plan rufen.

Vor diesem Hintergrund rückt zweitens eine praxeologische Dimension in den Blick, in der kleine Formen nicht als Gegebenheiten, sondern als Resultat vielfältiger Operationen erscheinen. Kleine Formen wären demnach das Ergebnis von Prozeduren des Kürzens und Selegierens, des Komprimierens und Konzentrierens, des Ab- und Ausscheidens, des Verkleinerns und Reduzierens, von Prozeduren also, die durch portable media (Notizbücher, Kladden, Tablets, Smartphones) gestützt, mit mechanischen oder medientechnischen Instrumenten, mit applications (wie cut & paste) oder Algorithmen (wie mp3) durchgeführt werden und die Beweglichkeit, die Zirkulations- und Einsatzfähigkeit von Kleinformen garantieren. Damit werden auch spezifische Gebrauchsroutinen aufgerufen, die sich über unterschiedliche Auftragslagen konstituieren und je nach Kontext – etwa in Verwaltungspraktiken, in Wissenschaft, Forschung und Experimentalkulturen, in Schreibszenen, in der Erziehungs- und Bildungspraxis, in der Netzkommunikation – konkrete Anwendungsbedingungen für Kleinformate wie Notizen, Zitate, Fußnoten, Skizzen, Exzerpte, Exempel, Diagramme, Tabellen, Protokolle, Blogs etc. vorgeben. Die praxeologische Perspektive bezieht sich auf die Rückkopplung zwischen Formgenesen, Medien und Gebrauchskontexten; und als little tools of knowledge lässt sich kleinen Formen demnach ein elementarer Beitrag zur Produktion, zur Organisation und Vermittlung von Wissen und bestimmten Wissenstypen attestieren.

Dies macht kleine Formen des Aufzeichnens und Notierens attraktiv, die bei der Buchführung über Beobachtungen und Ideen, bei der Vermittlung von Kenntnissen und bei der Lenkung von Neugierden helfen und zugleich den Umgang mit beschränkten Zeit- und Platzvorgaben erleichtern. Sie können die Vorzüge des Kompakten, Kondensierten, schnell zu Überschauenden geltend machen, aber auch das Vorläufige, Flüchtige und Ergänzungsbedürftige des Festgehaltenen ausstellen und sich auf diese Weise als verlässliche Garanten von Verständigungsroutinen wie als Störer, als Quelle produktiver Irritationen empfehlen. Mehr als andere Genres und Darstellungsformate sind kleine Formen darum drittens für die Erzeugung und Strukturierung bestimmter Zeitwelten verantwortlich. Das bezieht sich auf die Frage danach, wie Medieninnovationen sich mit einer Beschleunigung von Kommunikationsweisen verknüpfen und im Takt von Übertragungsgeschwindigkeiten und Erscheinungsfrequenzen zu einer Dominanz des Aktuellen und Ephemeren geführt haben. Kleine Formen wie Nachrichten, Kurzmeldungen, Updates, Slogans, SMS, Posts oder Tweets befeuern einen Aktualitätswettbewerb, der seit der Druckerpresse für die Produktion von Moden und Trends, für den Aufbau und den Zerfall, für die Konformität oder die Parzellierung von Öffentlichkeiten verantwortlich ist. Dabei geht es auch um Verbreitungsdynamiken, die sich durch Rückkopplungseffekte, Imitationsprozesse oder ‚Viralität‘ auszeichnen und selbst wiederum spezifische Kleinformate (von der Zeitgeistphysiognomik bis zu Memen) hergebracht haben. Nicht zuletzt sollte die technische und ökononomische Rolle von älteren und jüngsten Hotspots der Aktualisätsbewirtschaftung in Rechnung gestellt werden, die etwa in Gestalt von Presseagenturen oder Plattformen für die Belieferung von Informations- und Meinungsmärkten sorgen.

Viertens stellen sich Fragen danach, wie sich das Verhältnis von Medien und kleinen Formen theoretisch und historiographisch erfassen lässt. So wenig traditionelle Gattungslehren und Poetiken Auskunft über die Haltbarkeit und den Status kleiner Formen geben können, so sehr haben sciences studies, Netzwerktheorien, Kulturtechnikforschung, Wissenspoetik, systemtheoretische oder medienökologische Ansätze methodologische Impulse gegeben. Greift man etwa einen Vorschlag Niklas Luhmanns auf, so lassen Formen sich generell als „feste Kopplungen“ von Elementen begreifen, die sich gegen die „losen Kopplungen“ von Medien differenzieren, wobei die Möglichkeiten des Mediums durch solche Formbildungen nicht nur verbraucht, sondern auch regeneriert werden. Dabei bleibt die offene Frage bestehen, wie sich allgemeine Medienbegriffe zu unterschiedlichen Ebenen der Materialität von Kommunikation – etwa des Kanals und des Codes – und zur Verschiedenheit von Darstellungstypen verhalten. Konkreter auf die Geschichte und Funktion von analogen und digitalen Technologien bezogen, könnten als formbildende Faktoren auch Prozesse der „Remediation“ – im Sinne der Adaptation eines Mediums durch ein anderes – berücksichtigt werden, genauso wie Phänomene der Regeneration kleiner Formen durch den Wechsel von Medien. Nicht zuletzt wäre hier danach zu fragen, welche epistemischen Effekte der Verbund von Medien und kleinen Formen selbst hervorgebracht hat: sei es eine Symbiose von Kleinformen und dekontextualisierten ‚Tatsachen‘, die zu einer diskursiven Dominanz von Faktographien geführt hat; sei es die Emergenz von Informationsbegriffen, die sich als effizientes Passepartout für den Zusammenhang zwischen Kommunikationstechnologien, mathematischer Formalisierung und spezifischen medialen Formaten erwiesen haben.

Um die Einsendung von Themenvorschlägen einschließlich Abstracts (bis zu 2500 Zeichen) und Kurzbiographien an die Redaktion (mark.potocnik@gmx.de) wird bis zum 30.09.2020 gebeten. Die ausgearbeiteten Beiträge (bis zu 30.000 Zeichen) sollen bis zum 31.03.2021 bei der Redaktion eingehen.

Die Herausgeber (Friedrich Balke, Bernhard Siegert, Joseph Vogl)

Weitere Informationen zum Archiv für Mediengeschichte unter: https://www.uni-weimar.de/de/medien/forschung/jahrbuch-archiv-fuer-mediengeschichte/