Nr. 9/2 (2018)

Alternative Fakten

Der Schwerpunkt der vorliegenden Ausgabe ist den sogenannten »alternative facts« gewidmet. Diese paradoxe Wortschöpfung von Kellyanne Conway, der Beraterin des amerikanischen Präsidenten, und die sich anschließenden Kontroversen sind für die Kultur- und Medienwissenschaft eine Herausforderung. Nicht nur politisch, sondern auch epistemologisch. Denn wenn man die Denkmöglichkeit »alternativer Fakten« ernst nimmt als ein epistemisches Ereignis, dann wird es für die Medien- und Kulturforschung zu einer dringlichen Aufgabe, die Wissens- und Medienarchäologie des Faktums aufzuarbeiten. Der Grund, warum die Wortschöpfung »alternative Fakten« paradox erscheint, besteht offenbar darin, dass er unserem modernen Faktenbegriff widerspricht, demnach ein Faktum eben deshalb ein Faktum ist, weil es keine Alternative haben kann. Seit dem Linguistic Turn und dem Practical Turn ist es ein zentrales Anliegen der Science bzw. der Science and Technology Studies gewesen, aufzuzeigen, dass und wie wissenschaftliche Tatsachen sozial konstruiert werden. Wie durch die Arbeiten von Hans-Jörg Rheinberger, Tim Lenoir, Bruno Latour, Peter Galison, Lorraine Daston und anderen unterstrichen wird, sind daran auch Aufzeichnungs- und Visualisierungstechniken (Medien also) maßgeblich beteiligt. Bruno Latour hat schon 2006 auf die vermeintliche Krise des »kritischen« Denkens aufmerksam gemacht, die sich darin zu manifestieren scheint, dass Positionen, die jahrzehntelang Positionen des sozialen Konstruktivismus, der Dekonstruktion, der Diskursanalyse gewesen waren, nun von Strategen der Republikaner (in den USA) und von rechtsnationalen Lobbyisten des Großkapitals in anderen Ländern als Argumente gegen die Faktizität der Wissenschaften und ganz besonders des Klimawandels angeführt würden. Nun wäre es allerdings angesichts der Geschichte der modernen Tatsache fatal, wenn die Kultur- und Medienwissenschaft (oder auch die Wissenschaftsgeschichte) zwecks Abwehr des Konzepts »alternativer Fakten« zum Glauben an den Tatsachenbegriff des 19. Jahrhunderts und das ihn tragende Konzept von Objektivität zurückkehren würde. Der eigentlich perfide Effekt der »alternativen Fakten« wäre demnach, dass alternative Fakten uns dahin treiben, die Rettung in einer Rückkehr zu positivistischen Wahrheitskonzepten zu suchen. Kein Revisionismus und schon gar kein unter der Fahne des Positivismus segelnder Revisionismus wird uns in Zukunft die mühsame Arbeit von Wissensarchäologie, Dekonstruktion und historischer Medienwissenschaft ersparen.

Inhalt

Editorial Bernhard Siegert, Lorenz Engell

Der Computer in der Küche Christina Bartz

Shitstorm. Das eigentliche Übel der vernetzten Gesellschaft Rupert Gaderer

The Act of Negation: Logical and Ontological Christoph Menke

Aktenunruhen Jörg Paulus

Debatte: Jenseits von Reden Dirk Ludigs, Andrea Geier

Archiv Maschke-Adorno-Briefwechsel

Kommentar Philipp Felsch

Linksruck der Fakten Albrecht Koschorke

Politik und Lüge Ethel Matala de Mazza

Auslagerung des Intellekts Christina Vagt

Das Postfaktische und der Dokumentarfilm Oliver Fahle

Wahrheit, Wirklichkeit und die Medien der Aufklärung Cornelius Borck

Abstracts

Bernhard Siegert, Lorenz Engell Editorial

Das Editorial zur vorliegenden Ausgabe 9/2 (2018).

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Christina Bartz Der Computer in der Küche

Der Honeywell Kitchen Computer von 1969 ist einer der ersten Rechner, der für den Heimgebrauch hergestellt wurde. Schon allein aufgrund seines wenig benutzerfreundlichen Interfaces, das im Widerspruch zur nicht-professionellen Nutzung in der häuslichen Sphäre steht, stellt er eine Kuriosität dar. Zugleich weist er Aspekte auf, die die Idee eines Computers zu Hause plausibilisieren. Dazu gehört u.a. die Gestaltung des Interfaces, aber auch die Küche als Ort der heimischen Arbeit

Rupert Gaderer Shitstorm. Das eigentliche Übel der vernetzten Gesellschaft

Der ›Shitstorm‹ bezeichnet das Phänomen, dass Personen, Unternehmen und Institutionen mittels digitaler Technologien beleidigt und herabgesetzt werden. Die Empörungswellen beginnen mit dem Zorn einzelner Personen und entwickeln sich aufgrund ihrer medientechnologischen Bedingungen zu einem Konflikt der vielen Adressen. Trotz der Tragweite des ›Symptoms‹ sind medienkulturwissenschaftliche Analysen äußerst selten. Angesprochen ist damit ein in diesem Artikel verfolgter Zugang, der erstens die Historizität digitaler Phänomene, zweitens die technologischen Infrastrukturen und drittens die damit verbundenen Operationen als ›Hetzschwarm‹ untersucht.

Christoph Menke The Act of Negation: Logical and Ontological

Das Konzept der Negation ist der zentrale Operator bei der Unterscheidung zwischen historischem Wandel und natürlicher Evolution, welche grundlegend für das moderne Denken ist. Die Krise dieser Abgrenzung ist somit auch eine »Krise der Negation« (Alain Badiou). Der vorliegende Text untersucht die Krise, indem er zuerst Hegels Konzept der »bestimmten Negation« und deren Auswirkungen auf das moderne Verständnis von Revolution beleuchtet und erörtert im Anschluss zwei mögliche Alternativen, wie Negation noch verstanden werden kann: als abstrakte Negation (Luhmann) und als endlose Negation (Agamben).

Jörg Paulus Aktenunruhen

Von den Archivalien her gedacht, sind Aktenaushebungen Störungen einer historisch (in)formierten, oft auch kontingenten Ruhe. Als Operationsformen des Medialen ereignen sich Unruhen aber nicht nur in Folge von Interventionen. Sie sind in Akten immer schon vorgezeichnet (u.a. durch Leerstellen). Um sie beschreibbar zu machen, können Bündel aufgerufen werden, in denen sich (Un)Ruhe- Zustände historischer und aktenhistorischer Art überlagern. Unterschiedlich skalierte Eigenzeiten treten so in Erscheinung, Revolutionen und Idyllen.

Dirk Ludigs, Andrea Geier Debatte: Jenseits von Reden

So heftig und kontrovers wie der von Patsy L’Amour LaLove, einer an der HU Berlin promovierten Geschlechterforscherin, herausgegebene Essayband (Beißreflexe, 2017) wurde seit langer Zeit kein (wissenschaftliches) Buch mehr diskutiert. Es drängt sich der Eindruck auf, dass die sich selbst als aktivistische »Polittunte « verstehende Herausgeberin offensichtlich den Zeitgeist eines mit sich selbst strauchelnden Queerfeminismus getroffen habe: Solch eine Vielzahl an mehr als nur leidenschaftlichen Reaktionen allerlei Couleur konnte eine in erster Linie akademische Anthologie mit Texten zur aktuellen Verfassung der LGBTIQ*-Kultur und -Szene sowie zum Stand der akademisch geführten und im Zweifelsfall auch gelebten Queer Studies seit geraumer Zeit nicht verzeichnen – was sich unter anderem in der mittlerweile nun vierten Auflage des Titels innerhalb eines Jahres seit Veröffentlichung niederschlägt. Im Zuge der Debatte, welche in den letzten Wochen und Monaten in verschiedensten Medien (Zeit, Tagesspiegel, NZZ, FAZ, Süddeutsche) um die Publikation entbrannte, haben sich sowohl die darin versammelten AutorInnen als auch Judith Butler, Sabine Hark, Paula-Irene Billa, Alice Schwarzer und andere zu Wort gemeldet.
Der selbst als Autor in besagtem Band vertretene freie Journalist und Redakteur Dirk Ludigs beanstandet seinerseits, dass die queeren akademischen Diskurse unserer Tage einem toten Rennen gleichen. Der Stellungskrieg der Kulturtheorien verändere nicht nur nichts mehr in den Köpfen aller Teilnehmenden, seine Debatten gehen zudem noch praktisch spurlos an all jenen vorbei, zu deren Verbesserung der Verhältnisse sie angeblich geführt werden würden. Es sei, so die Position des selber seit den 80er Jahren in der queeraktivistischen Szene Berlins sozialisierten Autors, an der Zeit, die (zu) weitgehende Akademisierung queeren Denkens und Handelns kritisch zu hinterfragen und nach fruchtbaren Quellen für einen anderen queeren Aktivismus zu suchen.
Eine entgegengesetzte Position vertritt Andrea Geier. Auch sie räumt ein, dass die Identitätspolitik in eine Krise geraten sei – der Vorwurf, dass mehr um die Anerkennung von Identitäten statt für deren Überwindung gekämpft werde, würde darüber hinaus von Neudeutungen postmoderner Theorien begleiten werden sowie von der Frage, ob sich aus akademischen Theoriediskursen überhaupt noch emanzipatorisches Potential gewinnen ließe. Ihr Beitrag erörtert aus akademisch geschulter und kritischer Perspektive diese Entwicklungen und plädiert mit Nachdruck für eine Debattenkultur, welche sich mit intersektional geschärftem Blick notwendig komplexen Aushandlungsprozessen der uns heute in all ihren komplexen Facetten und Problematiken begegnenden Identitätskultur und -politik auseinandersetzt.

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Albrecht Koschorke Linksruck der Fakten

Auf dem Feld der Theorie ist es zu einer Umpolung der politischen Vorzeichen gekommen. Was fünfzig Jahre lang Gegenstand einer linksemanzipatorischen Kritik war, ist zur Zielscheibe nationalistisch-autoritärer Bewegungen geworden: der Liberalismus, der Kapitalismus, die Globalisierung, das politische Prinzip der Repräsentation, der hegemoniale Charakter von Wahrheitsansprüchen. Lieblingsvokabeln der French Theory wie ›Dekonstruktion‹ und ›Simulation‹ sind in die Machtpraxis von Rechtspopulisten übergegangen. Kulturwissenschaftler dagegen finden sich in der ungewohnten Lage wieder, fact checking zu betreiben und gegen die Relativierung universell gültiger wissenschaftlicher Erkenntnisse zu demonstrieren. Der Beitrag fragt danach, wie angesichts dieser ›feindlichen Übernahme‹ das emanzipatorische Potenzial und die Erkenntnisleistungen des Poststrukturalismus verteidigt werden können.

Ethel Matala de Mazza Politik und Lüge

Alternative Fakten sind in der Politik nicht neu. Verfechter der Staatsräson betrachteten die Lüge seit jeher als legitimes Mittel des Machterhalts. Für ›Tatsachen‹ begannen Wissenschaft und Presse sich erst später – und mit unterschiedlich ausgeprägter Neugier – zu interessieren. Inzwischen kehrt sich gegen beide ein gezielt gesätes Misstrauen. Der Beitrag geht dem Kalkül hinter den Lügen und Wahrheitszweifeln in der aktuellen Politik nach und versucht die Frage zu beantworten, wo darin die Staatsvernunft weiter regiert und wo nicht.

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Christina Vagt Auslagerung des Intellekts

Worum geht es in den aktuellen Vorwürfen, die Postmoderne hätte den aktuellen populistischen Diskurs um alternative Fakten vorbereitet? Ausgehend von Latours Elend der Kritik diskutiert der Artikel die Genealogie von Wahrheits- und Evidenzkritik vor und nach den Anfängen des Computers. Dabei lässt sich zeigen, dass vor aller Wahrheits- und Evidenzkritik zunächst ein Misstrauen in den menschlichen Intellekt steht, welches in den frühen Entwürfen künstlicher Intelligenz und der Auslagerung des Intellekts in lernende Maschinensysteme ein vermeintliches Ende findet.
Nicht zufällig ruft Herbert A. Simon 1969 in seinem Standardwerk The Sciences of the Artifical Arthur Schopenhauers Welt als Wille und Vorstellung auf, wenn er schreibt, dass die Welt viel mehr eine künstliche, vorgestellte als eine natürliche sei. Anders als im 19. Jahrhundert verspricht jedoch nun die Computersimulation Einsichten in bisher unzureichend verstandene Komplexitäten menschlichen Verhaltens.
Das Resultat dieser maschinellen Kritik ist ein ökonomisch-technologischer Komplex, in dem Rationalität nicht mehr als Funktion des Subjektes, sondern als Funktion der Maschine interpretiert und das Politische auf die Ebene des Affektiven reduziert wird.

Oliver Fahle Das Postfaktische und der Dokumentarfilm

Die Rede vom Postfaktischen bestimmt die aktuelle Diskussion zur vermeintlichen Objektivität der Berichterstattung audiovisueller Massenmedien. Eine Auseinandersetzung mit den Problemen, die durch das Postfaktische aufgeworfen werden, ist jedoch nicht neu, sondern bereits auf vielfältige Weise in klassischen und aktuellen Theorien des Dokumentarfilms diskutiert worden. Der Artikel plädiert dafür, den Begriff des Postfaktischen unter Hinzuziehung dieser Theorien (und auch filmischer Produktionen) von Vertov, Grierson, Balàzs, Buñuel und Niney fruchtbar zu machen.

Cornelius Borck Wahrheit, Wirklichkeit und die Medien der Aufklärung

Herausgefordert durch die Verbreitung von alternative facts, fordern Wissenschaftsinstitutionen die Anerkennung ›alternativloser Fakten‹. Dabei wird die Wissenschaftskritik häufig als Mitschuldiger für die Krise ausgemacht. Die Debatte verkennt nicht nur die historisch-epistemologische Kontingenz neuzeitlicher Wissenschaft, sondern ist ignorant gegenüber der sprachlichen Verfasstheit und Medienabhängigkeit von Wissenschaft. Um auf diese Herausforderungen zu antworten, braucht die Gesellschaft dagegen eine medientheoretisch erweiterte Wissenschaftskritik. Denn Wissenschaft und Medien gehören zu den Wirklichkeiten, in denen wir leben.