Nr. 10/2 (2019)

Blockchain

Eine Medienrevolution finde statt, so hört und liest man, die sich nicht auf kalifornischen Theaterbühnen oder auf Konsumentenelektronik-Messen wie der IFA in Gestalt neuer Gadgets öffentlich präsentiert. Sie spielt sich jenseits der Terminals im unsichtbaren Reich der Vernetzung ab und betrifft subkutan die mediale Instituiertheit der Gesellschaft selbst: die Blockchain. Die Blockchain verspricht einerseits autonomes finanzielles, wirtschaftliches, administratives und politisches Handeln, andererseits aber auch mehr Sicherheit und Transparenz als die sozialen, politischen oder ökonomischen Institutionen, die zu ersetzen sie antritt – und zwar sowohl durch die dezentrale Architektur des Netzwerks als auch durch ihren modus operandi. Dies soll die Blockchain durch drei Kerneigenschaften leisten: eine dezentrale Architektur des Netzwerks, die Eliminierung der Instanz eines vermittelnden Dritten und die Produktion von Wahrheit oder Faktizität durch Konsensbildung.

Außer den Stimmen der Verfechter einer dezentralen, vom Staat unabhängiger Wirtschafts- und Sozialordnung sind indes inzwischen auch kritische Kommentare geäußert worden, die darauf verweisen, dass die Realität der Blockchain erheblich von ihrem propagierten Ideal abweicht. So haben verschiedene Autoren (auch in diesem Heft) auf die Übereinstimmung der Blockchain-Utopie mit der Ideologie einer rücksichtslos Ressourcen verschwendenden neoliberal-anarchistischen Marktwirtschaft hingewiesen (und auf die Tatsache, dass Blockchain-Anwendungen im großen Stil von Amazon, Google, Facebook und Apple vorangetrieben werden). So wichtig diese »ideologiekritischen« Kommentare auch sind, so sehr fehlt es trotzdem bisher an einer medien- und kulturwissenschaftlichen Reflexion der »Blockchain-Revolution«. Die vorliegende Ausgabe der Zeitschrift für Medien- und Kulturforschung will erste Anstöße zu einer solchen Reflexion geben, mit dem Ziel, zu einer diskurs- und machtanalytischen Einordnung des Phänomens Blockchain zu gelangen.

Inhalt

Editorial Bernhard Siegert, Lorenz Engell

Front Lines of Community. A Postscript to Hollywood War Cinema Hermann Kappelhoff

The Camera Shot and the Gun Sight Anne Eakin Moss

Von Delphi zum ORAKEL. Eine kleine Mediengeschichte der Computer-Demokratie Eva Schauerte

Debatte: Computeranalphabetismus Klaus Zierer/Christina Schatz, Heiko Christians

Dust & Data

Dokumentarische Architektur: Die Bauhaus-Moderne beiderseits der Sykes-Picot-Linie Ines Weizman

Kryptowährungen oder die anarchistische Wende des zeitgenössischen Kapitalismus Catherine Malabou

Vertrauen aus Mathematik Rüdiger Weis

Freiheit, die in Ketten liegt. Zur Philosophie der Blockchain Stefan Münker

Ketten des (Miss-)Vertrauens. Über die Blockchain, Bitcoins und Verwandtes Jan Claas van Treeck

Hype oder Horror. Potenziale und Hürden der Blockchain-Technologie anhand rechtlicher Rahmenbedingungen Cathrin Hein / Wanja Wellbrock / Christoph Hein

Kontrolle ist gut, Vertrauen ist besser, Bezahlung am besten. Zur Souveränität von Blockchains Oliver Leistert

Abstracts

Bernhard Siegert, Lorenz Engell Editorial

Das Editorial zur vorliegenden Ausgabe 10/2 (2019).

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Hermann Kappelhoff Front Lines of Community. A Postscript to Hollywood War Cinema

What kind of world emerges as a common world for the spectator in the staging of the events of war? And how can the film-analytical reconstruction of a sense of commonality open up historical consciousness in the first place? Focusing on the combat report With the Marines at Tarawa (USA 1944) this text shows how the ramifications of genre poetics can be explored as a network of experiential modalities that make history graspable as a continuous process of delineating the limits of community.

Anne Eakin Moss The Camera Shot and the Gun Sight

This article examines the connections between the camera shot and the gun sight in the age of classic Hollywood cinema. Comparing THE LOST PATROL (USA 1934, John Ford) with TRINADTSAT (THIRTEEN, UdSSR 1936, Mikhail Romm), it asks what kind of relationship films from this era strove to establish between the viewer and the gun shot on screen. The ideological and stylistic differences between the films make visible divergent fantasies of agency, community and technology.

Eva Schauerte Von Delphi zum ORAKEL. Eine kleine Mediengeschichte der Computer-Demokratie

1971 geht mit dem ORAKEL im WDR ein Sozialexperiment auf Sendung, mit dem die partizipative Demokratie mithilfe der neuen Medien – Telefon, Fax, Fernsehen und Computer – erprobt werden soll. Konzipiert von Helmut Krauch, der mit der Heidelberger Studiengruppe für Systemforschung seit Beginn der 1960er Jahre Zukunftsforschung auch im Auftrag der Bundesregierung betreibt, orientiert sich das ORAKEL an der von RAND-Forschern in den USA entwickelten Delphi-Methode. Krauch zufolge stellt das Format einen ersten Schritt auf dem Weg in eine Computer-Demokratie dar, deren kurze Geschichte hier nachgezeichnet wird.

Klaus Zierer/Christina Schatz, Heiko Christians Debatte: Computeranalphabetismus

In Bildungspolitischen Debatten wird nicht erst seit heute gefordert, so etwas wie eine ›digitale Bildung‹ als neues Unterrichtsfach einzuführen und viele Kultusministerien sind bereits dabei, entsprechende Lehrpläne zu schmieden. Klaus Zierer und Christina Schatz warnen davor, dieser Forderung umgehend und umfassend zu folgen. Die Auswertung einer großen Anzahl an empirische Studien und Metastudien zum Thema habe ergeben, dass die Wirksamkeit von digitalen Medien auf die Lernleistungen im Durchschnitt nur mäßige Effekte hat. Die elementaren Kulturtechniken Lesen und Schreiben sind mit Papier und Bleistift bzw. dem Buch in der Hand deutlich effektiver zu erlernen als am Laptop oder Tablet. Medien, ob digital oder analog, sind Hilfsmittel des Unterrichts. Entscheidend für den Lernerfolg ist und bleibt die Professionalität von Lehrpersonen. Setzen Lehrpersonen Technik um der Technik willen ein, was derzeit nicht selten zu beobachten ist, zeigen empirische Studien, dass digitale Medien sogar zu negativen Effekten führen können. Infolgedessen wird bei Fragen des Lernens klar: Auf dieser Ebene gelingt eine Revolution nicht durch die digitale Technik. Heiko Christians ist dagegen überzeugt, dass es den Begriff einer ›digitalen Bildung‹ erst gar nicht geben kann. Wiederholtes Lesen kanonischer Texte – als kulturtechnische Voraussetzung von Bildung – ist heute ein kontraintuitiver, älterer Gebrauch neuester technischer Infrastrukturen. Dieser Gebrauch ist per se nach wie vor nicht ausgeschlossen, aber er ist so unwahrscheinlich wie noch nie. Und er ist überhaupt nur noch so lange möglich oder in geringem Maße wahrscheinlich, wie man diese Gebrauchsweise, die offensichtlich aus anderen, heute ›überwundenen‹ Infrastrukturen und Epochen stammt, im Gedächtnis und in den eingeübten Reflexen der User noch bereit hält und plausibel macht. Genau das aber wäre tatsächlich die Aufgabe von Bildungsinstitutionen, wenn sie ihren alten Bildungsauftrag noch ausführen wollten. Dieselben Institutionen, die sich einmal vornehmlich der Pflege verschiedener kanonischer Textcorpora widmeten, sollen heute ihre Insassen aber nicht mehr bilden, sondern ›fit‹ machen für die ›digitale Zukunft‹. Das heißt präzise, es sollen keine merklichen Unterschiede mehr zwischen den technischen Verhältnissen innerhalb und außerhalb der Institutionen herrschen. Bleibt die Frage, ob man Techniken und Werke aus dieser alten Buchkultur bewahren möchte oder ob Bildung heute ganz anders definiert werden soll?

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Catherine Malabou Kryptowährungen oder die anarchistische Wende des zeitgenössischen Kapitalismus

John McAfee hat eine Unabhängigkeitserklärung der Währungen (Declaration of Currency Independence) verfasst, in der er proklamiert, dass die Zeit gekommen sei, das Staatsmonopol der Herstellung von Devisen und der Kontrolle ihrer Flüsse in Frage zu stellen und das Band zwischen Geographie und Währung aufzulösen. Die Philosophin Catherine Malabou erläutert in ihrem Artikel die ökonomischen und philosophischen Hintergründe ihrer Entscheidung, diese Erklärung zu unterzeichnen.

Rüdiger Weis Vertrauen aus Mathematik

In Zeiten, in denen jahrzehntelang stabile Vertrauensverhältnisse global immer stärker erschüttert werden, suchen die Menschen nach neuen Vertrauensansätzen. Die libertäre Philosophie hinter Bitcoin nutzt einfache und verständliche Techniken aus der Mathematik, um ein Währungssystem ohne Banken und Staaten zu schaffen. Durch die Geschwindigkeit und die weltweite Verfügbarkeit von Kommunikationsnetzen findet somit ein völlig neuartiges gesellschaftliches Experiment statt.

Stefan Münker Freiheit, die in Ketten liegt. Zur Philosophie der Blockchain

Die dezentrale Technologie der Blockchains verspricht durch ihre spezifische Netzwerk- Architektur ihren Nutzern sowohl mehr Freiheit und Autonomie als auch mehr Sicherheit und Transparenz. Damit wurden Blockchains in den letzten Jahren zur Projektionsfläche demokratischer und egalitärer Utopien. Der Beitrag ist eine medienphilosophische Analyse der Idee der Blockchain und ihrer praktischen Umsetzungen und zielt auf eine kritische Prüfung der mit Blockchains verbundenen Versprechen und Erwartungen.

Jan Claas van Treeck Ketten des (Miss-)Vertrauens. Über die Blockchain, Bitcoins und Verwandtes

Die Blockchain ist den Weg aus der technischen Obskuranz über eine weitgehend abgeklungene Phase der utopisch-mystifizierenden Begeisterung hin zu etablierten Branchenlösungen gegangen. Blockchainbasierte Kryptowährungen sind längst anerkannte und langsam auch institutionell genutzte Zahlungsmittel. Trotzdem scheinen sich Blockchain-Lösungen immer noch eher über ein Versprechen zu verkaufen, das ein soziales Bedürfnis – das des Vertrauens innerhalb von Systemen – befriedigen will. Ein Blick auf die Technizitäten der Blockchain jedoch erlaubt Einsichten in die Möglichkeit solcher technosozialer Versprechen und ihrer (Nicht-) Einlösbarkeit.

Cathrin Hein / Wanja Wellbrock / Christoph Hein Hype oder Horror. Potenziale und Hürden der Blockchain-Technologie anhand rechtlicher Rahmenbedingungen

Dieser Beitrag fasst den aktuellen Stand der rechtlichen Herausforderungen der Blockchain- Technologie kurz und prägnant zusammen. Blockchain stellt, ähnlich dem World Wide Web, eine Art Grundlagentechnologie dar, auf deren Basis neue Plattformen und Geschäftsmodelle geschaffen werden können. Es stellt sich jedoch die Frage, ob das deutsche Rechtssystem grundsätzlich in der Lage ist, die Herausforderungen, die eine solch dezentrale Technologie mit sich bringt, zu bewältigen. Insbesondere hinsichtlich strafbarer Handlungen oder der neuen Datenschutzgrundverordnung. Fraglich ist dabei, wie sich die derzeitigen Negativschlagzeilen (beispielsweise Silk Road) langfristig auf Kryptowährungen und infolgedessen womöglich auch auf die Blockchain-Technologie, nicht nur im Hinblick auf die rechtswidrigen Inhalte wie Kinderpornographie, auswirken.

Oliver Leistert Kontrolle ist gut, Vertrauen ist besser, Bezahlung am besten. Zur Souveränität von Blockchains

Dezentrale, offene Blockchain-Technologien verwalten auf protokologischer Ebene Transaktionen von Daten. Durch kryptographische Methoden lassen sich die Transaktionen der Daten identifizieren. Dies geschieht – wenn kein Softwareupdate erfolgt – ohne Eingriff von aussen. Deshalb werden Blockchains als souveräne Medientechnologien vorgestellt. Sie regieren sich selbst. Damit sind sie auf Kollisionskurs mit traditionellen Souveränitäten, die entscheiden dürfen, was der Fall ist. Zu beobachten ist deshalb das Auftreten einer generisch digitalen Souveränitätsform. Deren Konsensfindung über den Zustand ihres Regierungsbereichs wird analysiert.

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